Der an Einflüssen reiche Sternhimmel, den ich nachts über mir sah, angefüllt mit Schicksalsträgern, war mir danach nicht mehr bloß ein Bild aus leuchtenden Weltbällen, die wie ein leeres Feuerwerkschauspiel flimmern und nur durch ihr Licht ergötzen. Die Nachtbilder der Sterne sehen jetzt immer prächtig ereignisschwanger in mein Fenster, wie die Gesichter einer Menschenmenge, unter denen ich hier und dort Bekannte begrüße, die beeinflussend auf mein Schicksal unbewußt wirken, wie ich auf sie unbewußt wirken muß.
Leben, mit denen man in nächster Nähe, im Gespräch oder in Gedanken, verkehrt, werden einem herzlich vertraut. Und so wurden mir nach dieser Erkenntnis jetzt die Planeten herzlich vertraut. Sie wurden zu Nachbarn meines Lebens, wie jene Vögel mir vertrauter sind, die in meinem Garten nisten, als die, die nur am Himmel vorüberfliegen.
Die Planeten Venus, Jupiter, Mars waren für mich bisher nur Sterne in der Sternmasse gewesen. Sie traten mir aber bei der Betrachtung des nächtlichen Himmels nachbarlich nah, nachdem ich ihren besonderen Einfluß auf die Leben der Erde erfahren hatte. Sie sind Familienmitglieder unserer Erde, sagte ich mir, Glieder unserer Sonnenverwandtschaft.
Jene Möwen in Bohuslän, deren Brutstätte ich besucht hatte, waren mir damals auch von der Stunde an vertrauter geworden, da ich mich in ihr Brutleben vertieft hatte, nachdem ich vom Kapitän und dem Pfarrer an der Möwen Eigenleben erinnert worden war. Und beim Nachdenken darüber, daß ich tölpelhaft gewesen und die Wochenstuben der Möwenmütter gestört hatte, war ich, nachdem ich mich mit den Gewohnheiten jener Vogelwelt bekannt gemacht hatte, mehr zum innerlichen Kameraden jener Möwen geworden, als ich es vorher gewesen. Wohl hatte ich die Möwen vorher schon als Weltallkameraden gefühlt, aber ich war ihnen noch nicht als Lebensnachbar nahegekommen. Und ebenso war es mir jetzt mit den Sternen ergangen.
Damit, daß man sich die Weltzusammengehörigkeit aller Leben im Geiste klar gemacht hat, hat man nur den ersten Schritt zur Erkenntnis des Weltallfestes getan. Der Geist, unsere Weltferne, besitzt aber auch einen erdvertrauten Leib, der uns zur Weltnähe führt, deshalb muß man die neue Weltanschauung nicht bloß geistig, sondern auch körperlich erleben wollen, um zur Weltvertraulichkeit zu gelangen, die dann der geistigen Feststimmung auch die irdische Feststimmung gibt. Denn erst aus beiden Feststimmungen ergibt sich das warme allfestliche Lebensgefühl des Menschen.
Aber nicht bloß vom geistigen Sichvertiefen des nach Lebensergründung strebenden amerikanischen Ehepaares hatte ich in London Gewinn. Auch vom schlichten Alltagsleben, das sie führten, lernte ich neue Lebensart kennen.
Der junge amerikanische Ehemann erleichterte seiner Frau, wo er konnte, das Hauswesen, um sie zu schonen. Da er ihr nicht ein eigenes Haus bieten konnte, war er doppelt sorgsam um sie. Und es war eine Freude zu sehen, wie keine Handreichung, die er ihr tat, ihm erniedrigend vorkam in bezug auf seine männliche Würde.
Sie, die Schwächere zu schonen, war ihm Würde. Wenn er sie glücklich wußte, dann fühlte er sich lebenswürdig und dachte nicht daran, seiner Männlichkeit irgendeine andere Glorie aufzusetzen. Und in der Tat, in der Hingabe zu ihr, in der Sorge um ihr Wohl, bewies er seine Männlichkeit besser, als wenn er sich eigenliebend mit leerer Würde gebrüstet hätte.
An einer Straßenkreuzung des Upper Wooburn-Platzes befand sich ein Markt. Kein Markt im deutschen Sinne. Sondern da waren vier Läden der vier Häuserblocks, die die Straßenkreuzung bildeten. Da waren ein Bäckerladen, ein Fleischerladen, ein Drogenladen, der zugleich Fischhandlung war, und eine Gemüse- und Südfrüchtehandlung. Es gab also da alles zur täglichen Nahrung Nötige.