Der Drogist bot Geflügel und Fische, Marmeladen und sonst hundert eßbare Dinge feil. Die Grünwarenhandlung war reich an Gemüsen aus den Mittelmeergegenden und an Südfrüchten der englischen Kolonien. Der Fleischerladen war appetitlich und zeigte frische Ware auf sauberem Marmor, und der Bäckerladen bot Backwaren und Teegebäck aller Art.

Der junge amerikanische Künstler nahm jeden Morgen eine Handtasche und kaufte alles Nötige für die Mahlzeiten ein, und ich begleitete ihn und staunte über seine Kenntnisse. Die frischesten Gemüsearten, die besten Fleischstücke, die schmackhaftesten Fischarten verstand er im Rohzustande ausgezeichnet auszuwählen. Ich fand diesen Morgenweg immer unterhaltsam und anregend.

Man hörte in der Fischhandlung von den letzten Fischzügen, vom Meersturm, der die Hummernsendung verhindert hatte. Man hörte in der Gemüsehandlung von der Bananenernte, die in diesem Jahr in Ceylon besonders günstig gewesen sei, von den Ananassendungen, die eben aus Westindien eingetroffen waren. Man hörte beim Metzger vom Viehstand und von der Viehzucht in den verschiedenen englischen Provinzen, die London versorgten, und man war während zwanzig Minuten ein bißchen überall in der Welt gewesen.

Wenn wir dann nach Hause kamen und der Amerikaner seine Einkäufe der Köchin der Pension gegeben, und diese die Dinge in die Küche, die im Keller lag, hinuntergetragen hatte, und wenn später zur Frühstückszeit, um zwölf Uhr mittags, und zur englischen Mittagszeit, nach sechs Uhr abends, alle eingekauften Sachen wohlzubereitet von der schmucken Bedienung aufs Zimmer gebracht wurden, dann aß man die Speisen angeregter und belustigter, weil man ihren Ursprungsorten schon beim Einkaufen nahegekommen war.

Nichts zu gering finden, auch in den kleinsten Dingen von Hand zu Hand sich behilflich sein, ohne sich in falsche Würde einwiegen und behaupten zu wollen, dieses war es, was ich nie vorher Gelegenheit hatte, in Deutschland zu beobachten. Und ich lernte in der Nähe der jungverheirateten Amerikaner ein mir neues Tagesleben, denn das Zusammenleben der beiden war innig und edel.

Der junge Mann hatte nie das Bedürfnis, in Kaffeehäusern zu sitzen oder Klubs zu besuchen. Er und seine Frau kannten viele Menschen in London und gingen Sonntags zur Teestunde in verschiedene Häuser, und ein- oder zweimal in der Woche besuchten sie den okkultistischen Geheimbund, dem sie angehörten. Die Hälfte des Tages oder ganze Tage verbrachten sie im Lesesaal der britischen Sammlungen, da sie nach London gekommen waren, um sich geistig zu vertiefen. Später wollten sie dann wieder nach Paris zu ihrer Atelierarbeit zurückzukehren.

Durch einen Bekannten, der ein Haus in Kensington besaß, konnte ich auch eine Einlaßkarte in den britischen Lesesaal erhalten. Denn man darf nur, wenn man die Unterschrift eines londoner Hausbesitzers vorzeigen kann, auf Genehmigung eines Einlaßgesuches rechnen.

Dort im größten Lesesaal der Welt sah ich zum erstenmal die mächtigen großen Bände in der Urschrift, die Albrecht Dürer — der Okkultist gewesen — über Menschenkörpermaße mit Bild und Text verfaßt hat. Auch sah ich die großen Mappen Leonardo da Vincis, seine Urschriften über Festungsbaukunst, Entwürfe für seine Belagerungsmaschinen und die ersten Skizzen für sein Meisterwerk „Mona Lisa“, seltene Kunstdinge, die ich später nicht wieder Gelegenheit hatte zu genießen. Der junge amerikanische Bildhauer studierte jene Albrecht Dürerschen Bücher, und ich übersetzte ihm die deutschen Texte ins Englische.

Auch die Bände des englischen Geisterdichters Blake, der um 1810 gelebt hat, fesselten mich sehr. — Die Okkultisten behaupten, es sei nachweisbar, daß alle die großen Meister der Italiener, ebenso die Meister des mittelalterlichen Deutschlands, die Maler und auch Goethe, viele Zeit ihres Lebens dem Studium der Kabbala gewidmet haben. Deshalb seien dieser Männer Werke von so bleibender Schönheit, weil sie nicht bloß äußeren Sinnenreiz bieten wollen, sondern weil sie auch die Geheimwelt der Urweisheit, deren Schlüssel in der Kabbala liegt, erfaßt haben.

Der englische Dichter und Maler Blake, der die Kabbalaweisheit gründlich studierte, hat absonderliche Gedichtbände gedichtet, die voller Geisternamen wimmeln. In seinen Werken, die dickbändiger als die Bibel sind, hat er eigentümlicherweise über jede Zeile, die er schrieb, Bilder dessen, was jede Zeile in Worten erzählt, gezeichnet: fliegende Geister auf Wolken, Sternen, Planeten, halb Tier-, halb Menschenungeheuer. Die Seiten seiner Bücher sehen deshalb sehr fremdartig aus, da jeder Gedanke nicht bloß in Wortzeilen, sondern auch in Zeilenbildern dargestellt ist.