Ich hatte früher von dem Kabbalawissen reden hören, ähnlich wie von der Astrologie, als von etwas Krausem, Unvernünftigem. Ich erfuhr aber, daß dieses Wissen so wohlbegründet ist, wie die Astrologie es ist, die jedem einzelnen notwendig oder unnotwendig erscheinen kann, so wie das Wettervoraussagen.

Das Kabbalawissen dringt in die Tiefe und in den mächtigen geistigen Erfahrungsgehalt ein, der aufgespeichert wurde von starken Gehirnen aller Jahrhunderte, von Gehirnen, die über das Alltagsleben hinaus Weltergründungen gesucht haben, wie es Salomon getan und die arabischen Mathematiker und die indischen Brahmanen, wie der Kult der Griechen in Delphi und der Isiskult der Ägypter.

Doch diese Ergründungen, wenn sie auch fern vom Wirklichkeitssinn der heutigen Wissenschaft zu liegen scheinen, sind einst mit nicht minder hohem Wirklichkeitssinn erforscht und zusammengetragen worden.

Ein Mensch, der sich abends zu Bett legt, weil er am Tage Geld verdient hat und müde wurde, und der dann fest schläft und morgens wieder aufsteht und wieder Geld verdient und abends wieder einschläft — er würde zum Beispiel nie beobachten können, daß die Sternstellungen sich nachts verändern. Und so werden ihm viele tausend andere Beobachtungen entgehen, die ihm nicht zufällig auf dem Weg seines Geldverdienens begegnen und sich ihm aufdrängen.

Deshalb aber darf dieser Mensch doch nicht behaupten wollen, weil er tausend Beobachtungen nicht selbst erlebte, die es außerhalb seines Berufsweges gibt, und die von anderen beobachtet werden können, welche sich das Weltergründen und Weltbeobachten zum Beruf gemacht haben, daß diese Dinge, die er nicht gesehen hat, überhaupt nicht bestehen.

Es wäre wohl ein Unsinn, zu behaupten, daß es keine Sterne gibt, weil einer, welcher mit den Hühnern schlafen ginge, niemals den Sternhimmel gesehen hätte.

Und so darf auch ein kluger Mensch und ein Mensch, der sich Schöpfer und Geschöpf zu gleicher Zeit fühlt, nicht blindlings nur auf sein Gegenwartsleben pochen, sondern er muß auch die Werte der Vergangenheit beobachten. Die Geheimwerte, die fremde Völker, fremde Jahrhunderte ergründeten, müssen auch bei jedem klugen Geiste Beachtung und Aufnahme finden. So wie wir die Taten der Geschichte würdigen, müssen wir auch die Gedanken der okkultistischen Überlieferungen würdigen lernen, die nichts anderes sind als die Geschichtsereignisse des Denkens, Werte aus der Geschichte stiller, geheimer Beobachtungen, aus der Geschichte jener geheimen Wirklichkeiten, die scheinbar im Unwirklichen liegen und immer wiederkehren und immer weiterleben.

Ich meine natürlich nicht, daß jedermann sich in den Okkultismus vertiefen kann. Aber diejenigen, die sich zum Geistesadel der Nation zählen wollen, sollten doch, ehe sie rasche Urteile fällen, für die sie keine Vorkenntnisse haben, erst selbst den alten Überlieferungen nachdenken, ehe sie tiefste Natürlichkeiten für unsinnige Unnatürlichkeiten ausgeben.

Wie weit diese Geheimlehren nützlich sind und anwendbar aufs heutige Leben, dieses soll jeder sich selbst beantworten. Wer die Astrologie zu Rate ziehen will, dem sollte das unbeirrt und unbelacht freistehen. Dann erst ist unsere Zeit, die sich so gern die aufgeklärte nennt, wirklich würdig, aufgeklärt genannt zu werden, wenn sie durch keinen Spott mehr die Wege verstellt, die der jahrhundertalte Menschengeist gegangen ist.