Bei allen Gesprächen über Mystik, die ich mit den beiden Amerikanern pflegte und nach dem Tagesstudium im Lesesaal der britischen Sammlungen, fühlte ich mich doch oft recht einsam. Und das Glockenspiel einer Kirche, die in der Upper Wooburn Straße in jeder Stunde dieselbe Melodie anschlug und abspielte, kam oft süßlich und fad in mein stilles Zimmer und war wie in meinem Mund der langweilige Geschmack des Oatmealbreis, den ich morgens zu meinem Tee aß.
Ich sehnte mich sehr nach deutschem Wort und deutscher Laune, als mir eines Tages das Dienstmädchen bei meiner Heimkunft vom Lesesaal eine Visitenkarte reichte und sagte, der Herr, der die Karte abgegeben, wünschte, daß ich ihn besuche. Dieser Besucher war der deutsche Dichter Frank Wedekind.
Von Frank Wedekind waren damals erst nur wenige Werke erschienen. Ich hatte in München zwei Jahre vorher sein Drama „Frühlingserwachen“ gelesen. Die Schilderung einer grausigen Tragik, die heranreifende Kinder in Schule und Haus von törichten Lehrern und kaltblütigen Eltern erdulden müssen, hatte mich sehr erschüttert. Wedekind selbst kannte ich noch nicht. Als ich ihm dann meinen Gegenbesuch machte, sagte er mir, er habe meine londoner Adresse durch Otto Julius Bierbaum aus Berlin erhalten, die dieser wieder von Richard Dehmel erfahren hatte.
Wedekind und ich trafen uns danach öfters im Piccadillyhaus, das damals das einzige Kaffeehaus in London war, da es sonst nur Stehschenken, Tee- und Likörstuben gab.
Wedekind war eben nach einem längeren pariser Aufenthalt nach London gekommen. Seine Launen, so schien es mir, schwankten zwischen Weltbegeisterung und Weltverachtung.
Wenn ich aus den britischen Sammlungen kam oder von den neuidealistischen Gesprächen der beiden Amerikaner und Wedekind traf, war das ein seltsamer Gegensatz. Nachts in der Unionschenke, wo er zu finden war, bekam man nur Einlaß, wenn man in einer bestimmten Weise auf die Tür klopfte. Von außen war diese Schenke ein lichtloses Haus, und innen fand man in einem langen Gastraum eine sehr gemischte Kundschaft, Zirkus- und Varietékünstler, und Wedekind bei einem Toddy. Wenn er mir dann von seinen pariser Erlebnissen erzählte, indessen manches Mal neben uns eine Zirkustänzerin übermütig auf den Tisch sprang und unter dem Hallo der Gäste Cancan tanzte, dann war mir, als sei ich vor ein lebendes höllenbreuglsches Bild geraten.
Die Hölle hier war eigentlich harmlos. Aber der Gegensatz zwischen der nächtlichen Umgebung und meinen amerikanischen Freunden am Upper Wooburn Platz war kraß genug. Und ich, der ich bald ein Jahr lang in Skandinavien nur stummes Meer und stumme Steinwelt gewöhnt gewesen, war etwas verwundert über den überraschenden Szenenwechsel.
Der Frühling kam. Man merkte ihn aber in der Weltstadt nur erst an den Schaufenstern und an den Kunstausstellungen und an den über Nacht von den Gärtnern hingezauberten Tulpenbeeten im Regentpark und Hydepark. Jene Großgärten besuchte ich manchmal an den Konzerttagen, als eben die londoner Geselligkeitszeit eröffnet wurde. —