James hatte mich auf einen englischen Dichterkreis aufmerksam gemacht, der sich um den mir damals unbekannten Dichter Oscar Wilde versammelte. Der Amerikaner erzählte mir, Oscar Wilde hielte täglich zur Teestunde Empfänge ab in einem vornehmen Ausschank der Hydeparkstraße. Dieser Dichter habe in diesem Frühjahr die Mode der grünen Rose aufgebracht und trüge immer eine solche im Knopfloch. Der Amerikaner selbst kannte ihn nicht.

Aber da ich nichts von Oscar Wildes Dichtungen wußte, dachte ich nicht daran, ihn aufzusuchen, auch nicht, als ich im britischen Lesesaal Wildes „Salome“ gelesen hatte, die mir wie eine lüsterne Entwürdigung der alten guten Bibellegende vorkam. —

Ehe die Frühlingstage kamen, gab es noch ein paar schwere finstere Nebeltage, wobei der londoner Nebel wie ein dicker gelber Qualm die Mittage zur Nacht machte und in mir starke Sehnsucht nach Deutschland erweckte.

In diesen Nebeltagen stellte mir das amerikanische Ehepaar den irländischen Dichter Yeats vor, der damals in London lebte und der, wie sie, jenem Geheimbund angehörte. Auch dieser Mann hatte Verlangen nach neuen Idealen.

Yeats glaubte fest an verschiedene Geisterreiche zwischen Himmel und Erde, an Himmelsabteilungen, die von verschiedenen Geistergrößen bewohnt seien. Ähnlich, wie der Dichter Blake sie in seinen Dichtungen und Bildern dargestellt hatte. Yeats sagte mir: so wie es auf der Erde Könige, Beamten, Kaufleute und Tagelöhner gibt, so gibt es auch unter den unmittelbaren Kräften, unter den Astralleibern, die ihre Körper nach dem Tod verlassen haben, Rangordnungen. Und die verschiedenen Geister, die in verschiedenen Körpern gewohnt haben, werden nicht plötzlich ein und derselbe Geist, sondern sind nach dem Tode ebenfalls in verschiedene Rangordnungen eingeteilt.

Es gibt in den Geisterreichen, sagte Yeats, Kraftunterschiede so gut wie in den Körperreichen. Er meinte, er habe das sichere Gefühl, daß die Geister seiner alten irischen Heimatgötter, die vor dem Christentum hatten zurückweichen müssen, noch in der Luft über Irland lebten und zurückgerufen werden könnten. Im irischen Landvolk lebten noch viele der alten Lieder und Sagen und wurden in den Winternächten vor den Feuern der Kamine vielfach erzählt und gesungen. Und Yeats hatte sich mit einem anderen irischen Dichter verabredet, sie wollten als Landsleute gekleidet von Dorf zu Dorf ziehen und den Glauben an die alten irischen Götter wieder erwecken, indem sie die irischen Heldengeschichten und die Götterlehren den Bauern erzählten. —

Im Drury Lane Theater in London wurde in derselben Zeit ein Yeatssches Stück gespielt, zu dessen Erstaufführung der Dichter das amerikanische Ehepaar und mich eingeladen hatte. Ich erinnere noch, daß das Stück die ganze literarische Welt von London anzog, und daß Aubrey Beardsley, der damals bekannt gewordene englische Maler, der eben sein „Yellow Book“ herausgegeben, den Theaterzettel gezeichnet hatte, und daß also das Stück ein künstlerisches Jahresereignis war.

Ich verstand aber von dem Schauspiel nichts und schrieb es der Frühlingsluft zu, daß meine Augen, während auf der Bühne gespielt wurde, zufielen. Ich sehe nur noch in der Erinnerung eine Dame vor einem großen Kaminfeuer in einem dunklen Gemach und hinter ihr ein mondscheinblaues Fenster. Was die Dame mit Geistern und lebenden Menschen sprach, kam aber nicht zu meinem Bewußtsein.