Als ich wieder aufwachte, wurde geklatscht. Vorher, ehe wir zu jener Vormittagsaufführung ins Theater gegangen waren, hatte die Sonne geschienen, und wir hatten einen Kreis der Yeatsschen Bekannten in einer Frühstückstube neben dem Theater getroffen, wo vom „Yellow Book“ Aubrey Beardsleys das erste Exemplar herumgereicht worden war.

Dann nach dem Theater war es grauheller Spätnachmittag draußen auf der Straße. Aus Frühlingswolken fiel Frühlingsregen, der mit lauwarmem Wasser über das londoner Pflaster lief.

Der Geist dieses eintönigen Frühlingsregens war neben mir in der Loge gesessen und hatte mich eingeschläfert. Ich schämte mich ein wenig, als der lange, blaßgesichtige, schwarzhaarige, irische Dichter uns fragte, wie uns sein Stück gefallen habe. Ich wußte ihm nichts zu antworten. Als wir dann zu Hause im schlichten Zimmer der Amerikaner am Kamin saßen und auf das Kochen des Teewassers warteten, fingen wir wieder an von den Geistern zu sprechen.

Hatte mich schon der Nebel herzschwach gemacht, der sich plötzlich unerwartet wie ein dunkler Knebel ins Fenster steckte und mir den Atem beklemmte, so taten dies der Frühling und die Gespenstergespräche noch viel mehr. Und ich sehnte mich fort nach Deutschland, heftiger und heftiger. Ein paar kleine Zufälle trieben mich dann ganz plötzlich zur Abreise.

Eines Nachmittags war ich im Hydepark. Ich saß auf einem der Pfennigstühle am Rotten Row; viele Zuschauer hatten sich beim Nachmittagskorso niedergelassen. Leichte Landauer und schwere Kutschen, gelenkt von schmucken Herrn oder Damen, und bespannt mit rassigen Pferden, zogen ununterbrochen, als wäre ein allgemeines Wettrennen, vorüber.

Ich hatte eine Zeitung gelesen und sah auf und bemerkte ein sehr hübsches Gefährt aus hellem Holz, dessen lebhafte Pferde von einer jungen, sehr schönen Dame geführt wurden, die neben ihrem Stallburschen auf hohem Kutscherbock saß. Dame, Wagen und Pferde schienen zusammengehörig wie ein Geiger und seine Geige. Blitzend jagte das schöne Bild an mir vorbei. Ich bedauerte, daß es so schnell verschwunden war, und daß ich die Dame nicht nochmals sehen konnte.

Da höre ich ein Knattern, ein unheimliches Rasseln. Zugleich springen alle Leute, die neben mir sitzen, auf und steigen auf ihre Stühle, um über die Köpfe der Menschenmenge fortsehen zu können. Einen Augenblick schauten alle gespannt nach einer Richtung. Ich konnte mich nicht vor- und nicht rückwärtsbewegen, so schnell hatte sich eine Menschenmauer gebildet. Aber an den Gesichtern der Kutscher, die an der entgegengesetzten Seite des Rotten Rows in langen Reihen anhielten, sah ich, daß sich etwas sehr Schlimmes ereignet haben mußte.

Da eilte auch schon durch die Menschenmenge von Mund zu Mund das Gerücht: ein Wagen sei an einem Prellstein aufgestoßen und umgestürzt. Die Dame, die gelenkt hatte, sei auf die Steine geschleudert worden. Und einige Minuten später wandten sich bleiche Gesichter um, und einer sagte es dem anderen knapp und bestimmt: „Die junge Dame und ihr Diener sind tot!“

Allmählich wurde ich vom Menschenstrom nach jener Stelle gedrängt. Man hatte die Leichen der Dame und des Stallburschen bereits fortgefahren. Die Pferde an dem zertrümmerten Wagen wurden eben ausgespannt und fortgeführt. Die schönen Tiere zitterten noch und waren in ihrer Erregung kaum zu bändigen. Das dünne, leichte Gefährt aber lag zersplittert wie ein Spielzeug bei den Prellsteinen. Dann wurden die Trümmer rasch fortgeschafft und die Wagenreihen, die von den Polizisten zurückgehalten worden waren, bewegten sich wieder mit ihren tänzelnden Pferden festlich heran, und das Wagenschauspiel glitt von neuem aufglänzend an mir vorüber und über die Unglücksstelle fort.

Ahnungslose Damen grüßten und nickten sich aus den Wageninnern zu und wußten nicht, daß soeben eine aus ihren Reihen verschwunden war wie eine Geistererscheinung. Und ich fragte mich: welcher Unterschied ist da zwischen Geistern und Wirklichkeit? Sind wir nicht alle ein unwirklicher Spuk, da wir so schnell kommen und so schnell verschwinden können? Warum soll einem dann die Geisterwelt nicht glaubwürdig sein? Unser Erdenleben selbst ist doch nur eine flüchtige Geisterwelt!