Und ich wurde sehnsüchtig, Ruhe zu finden von dem vielen Erleben und vor den vielen Gedanken, die mir hier mein Leben zu denken aufgab. —
Dann kam ein Sonntag, an dem die beiden Amerikaner und ich bei einer englischen Dame zum Frühstück geladen waren. Dieselbe wohnte weit von uns in einem der entferntesten londoner Stadtteile. Wir sollten nur bei schönem Wetter dorthin kommen, damit wir dann auch den kleinen Hausgarten genießen könnten. Es war aber leicht nebelig am Upper Wooburn Platz und es regnete auch ein wenig. Wir zögerten deshalb, auszugehen. Dann aber entschlossen wir uns doch und gingen.
Groß war unser Erstaunen, als wir nach einigen Untergrundhaltestellen aus der Erde ans Tageslicht stiegen, blauen Himmel fanden und bei jener Dame hören mußten, daß es in ihrem Stadtteil den ganzen Vormittag über schönes Wetter gewesen wäre und es dort keinen Tropfen geregnet habe.
London ist also so groß, daß jedes Ende ein anderes Wetter haben kann, sagten wir uns lachend. Und das Frühlingswetter jenes Stadtteils tat es mir an. Ich kehrte nur in unser graues Viertel zurück, um bald darauf meinen Koffer zu packen und dem grauen London und den amerikanischen Freunden Lebewohl zu sagen.
Dann reiste ich über Harwich und Hook of Holland nach Deutschland und vorerst nach Berlin.
Es war der erste Juni, als ich durch Holland fuhr, wo die Kornfelder schon hoch standen. Hie und da sah man kleine Segel über den Halmspitzen auftauchen. Das sah seltsam aus, Segelboote im Korn! Die Kanäle lagen von den Ähren verdeckt, und die Schiffe kamen lautlos mit den weißen Segeln über den noch grünen Halmen daher.
Am liebsten wäre ich aus dem Eisenbahnzug ausgestiegen und hätte mich hier an den Rand eines Kornfeldes gesetzt und in die rundgeballten silbersonnigen Wolken gestarrt, die über dem flachen Holland lebhafter wirken als irgendwo. Und ich hätte gern den Sommer hier verträumt und den Segelbooten nachgesehen. Denn ich war sehr stadtmüde. Die vielen Gespräche der letzten Monate und das künstliche Gedankenleben im britischen Lesesaal und am Kamin der Amerikaner hatten mich naturhungrig gemacht.
Und seit ich das junge amerikanische Künstlerehepaar bescheiden und doch glücklich auf ihrem Pensionszimmer hatte hausen sehen, war der Drang und die Sehnsucht, ein Mädchen zu finden, mit dem zusammen ich den Frühling hätte jetzt genießen können, den Sommer, den Herbst, den Winter, — so stark in mir geworden, daß mich das leere Ansehen der Landschaft ungeduldig machte und mir jeder Tag qualvoll vorkam, der mich so ziellos der Weltbetrachtung preisgab, statt der Weltumarmung. Und ich sehnte mich nach Weltwärme und sehnte mich nach der Nähe einer geliebten Frau.
Ich hatte den Wunsch, mich verheiraten zu wollen, in London einmal zu den Amerikanern ausgesprochen, und sie hatten mir geantwortet: „Wer stark wünscht, zieht durch Wünsche die Wirklichkeit herbei. Aber,“ fügten sie hinzu, „Sie müssen sich ununterbrochen Ihren Wunsch klar machen und ihn immer wieder wünschen. Dann gestalten Sie sich damit die Zukunft, und Sie werden den Weg zu der Frau ganz von selbst finden, zu der Frau, die Sie lieben. Denn diese ist ja bereits geboren und geht irgendwo auf der Erde herum, unbewußt sehnsüchtig nach Ihnen, so wie Sie sich unbewußt nach ihr sehnen. Richten Sie Ihr ganzes Denken auf Ihren Wunsch, und Sie müssen jener Frau bald begegnen.“