Sie hätten jetzt die Sippe aufgestachelt und waren fortgegangen, um den Mönch zu holen, der das Zauberwesen aus Sun austreiben sollte. Und wenn Sun nicht die Zauberei aufgeben wolle, sagten sie, würde ihn die Sippe hinaus in den Urwald zu den wilden Tieren jagen, und er dürfe nicht mehr unter christlichen Menschen wohnen. Das Mädchen bangte sehr für Suns Leben.
Während sie noch zu dem Geliebten so sprach, ging die Sonne vor dem Hause unter, und eine Amsel sang. Und der junge Skalde lächelte nur und sagte ihr, er fürchte seine Brüder nicht. Er treibe kein Zauberwesen.
Sie aber, die er umarmt hielt, und die in ihrer Liebe jetzt die Abendröte ins Haus hereinsingen hörte, und die das Lied der Amsel nicht bloß als einen Ruf, sondern in Suns Nähe als ein Liebeslied verstand, begriff, daß der junge Skalde kein Zauberer war. Sie sah, daß er friedlich und festlich zu horchen verstand, und daß alle Dinge friedlich und festlich sangen, weil er sie ungestört singen ließ, wie es seine lärmenden Brüder nicht verstanden.
Als es rasch dunkel geworden war und die Ängstliche nochmals den Geliebten überreden wollte, daß er freiwillig fliehen sollte, damit ihm der Mönch und die Brüder und die Sippe nichts Böses tun sollten, Sun sich aber furchtlos weigerte und den herangehenden Leuten entgegenging, blieb das Mädchen in seiner Nähe, um zu sehen, ob man ihm etwas antun könne.
Mit Fackelbränden in den Händen kam das Volk im Abend heran und in ihrer Mitte der Mönch. Der hob ein Holzkreuz in seiner rechten Hand auf und trat vor den jungen Skalden hin und forderte Sun auf, er solle ihm die bösen Geister nennen, mit denen er bei Tag und Nacht, im Mond, im Sonnenschein und im Sturm Zwiesprache führe. Denn man wisse, sagte der Mönch, Sun spräche mit der Luft und mit dem Wasser, mit der Sonne und mit den Bäumen, mit lauter unvernünftigen und toten Dingen, die ihm doch nicht antworten können. Es müßten also Geister sein, die er aus dem Nichts zu beschwören verstünde. Aber der Gottesgeist dulde keine Götter neben sich, und er, der Gottespriester, müsse die unsauberen Geister aus Sun austreiben.
Das ganze Volk aber stand schweigend und nickte zu der Rede des Mönches und wartete darauf, daß der junge Skalde sich nun öffentlich erklären und sein geheimnisvolles Tun verantworten sollte.
Der junge Skalde sah friedlich lächelnd, still und ernst in alle Gesichter der Leute, die ihn da alle aus Unverstand haßten. Und Sun sagte zum Mönch einfach, daß er den Holunderbaum und die Wellen des Sees und den Wind und die Wolken und die Sonne singen höre, und daß er auch allem Leben Lieder zusinge, denn sein Herz sei glücklich und festlich. Und wie könne man das Lied der Blüte und das Lied einer Welle und das Lied einer Amsel als bösen Geist ansehen, da aller Leben Sprache doch Lebensfreude sei, die er überall höre und die wohltuend und glücklichmachend wäre. Und er sagte noch, er antworte den Lebensgeistern der Dinge in Liedern, die sein Herz ihm vorsingt. Und er trage nichts Böses gegen die Sippe im Herzen und nichts gegen den Mönch.
Da fuhr der Christenpriester wütend auf und schrie, der junge Skalde wäre bereits so besessen von bösen Geistern, daß er nicht mehr die bösen Geister von den guten unterscheiden könne. Denn nur Dämonen wohnten in den toten Dingen der Natur. Und wenn der Skalde nicht versprechen könne, die Zaubergespräche beim Hause und auf dem See einzustellen, dann müsse er die Sippe verlassen und würde aus dem Dorf zu den bösen Geistern des Waldes gejagt.
Da sagte Sun zu dem Mönch, daß er das Singen niemals unterlassen könne. Daß er die Leben, die da um ihn leben, singen höre, und er es nie lassen könne, die Lieder zu singen, die ihm von seinem Herzen eingegeben würden.