Der leitende Gedanke dabei war wohl der, daß das Idealbild, das sich das Volk von einem Sohn des Himmels im Geist gemacht hatte, nicht zerstört werden sollte, und auch der Kaiser selbst mochte nicht von tausend Gaffern in seiner kaiserlichen Ruhe und Würde gestört werden. Und dieses letztere wird jeder echte Künstler dem japanischen Kaiser am besten nachempfinden können.
Wie störend sind heutzutage die Zeitungsumfragen, mit denen die Künstler geplagt und gestört werden. Nur eines Augenblicksreizes wegen, nur um einen leeren Neugierreiz der Masse zu befriedigen, soll der Künstler antworten. Der Künstler sollte immer ein unsichtbarer Schöpfer bleiben dürfen. Und ich denke mir, der allerschönste Nachruhm für einen echten Künstler ist der, daß sein Kunstwerk namenlos groß bestehen bleibt, daß er auf viele Zeiten und Völker befruchtend mit seinem Werke wirkt, aber daß sein Leben hinter dem Werk verschwindet. So daß man in späten Zeiten nichts von ihm weiß und sich über seine Herkunft streitet, da er so bescheiden und unauffällig gelebt hat, daß sein Leben verschwinden konnte hinter seiner starken Arbeit, hinter seiner starken Schöpfung, die erst sein eigentliches Leben, sein unsterbliches, ewiges Dasein bedeutet.
Wir wissen von den Gesängen der „Edda“ nicht mehr die Namen der Dichter. Wir wissen vom „Nibelungenlied“ nicht mehr, wer es gedichtet hat. Wir wissen von vielen schönen alten Volksliedern nicht mehr, wer sie gesungen hat. Kümmern wir uns darum, wenn wir die Märchen von „Tausend und eine Nacht“ lesen, nach den Namen der arabischen Dichter zu fragen? Wunderbare Werke reißen uns so fort, daß wir darüber den Dichternamen vergessen.
Und dieses, dünkt mir, ist die allerhöchste Anerkennung für einen Dichter, wenn seine Werke so blind hinreißend die Menschen packen können, daß seine Werke selbständige Welten wurden, und daß nur des Dichters Nation, daß nur ihr Name an Stelle des Künstlernamens tritt.
Dieses Vergessen des Künstlers darf aber nicht aus Vergeßlichkeit, aus Rücksichtslosigkeit, aus Geistesbeschränktheit seines Volkes entstehen. Sondern die Kraft seiner Schöpfung muß den Künstler vergessen machen, die Kraft der Hingabe an das Kunstwerk, die Kraft, die das Kunstwerk so überwältigend gestaltet hat, daß man den Dichter deutlich zu kennen, zu sehen, zu hören glaubt und dabei ganz vergißt, nach seinem Namen zu fragen.
Nur so soll diese höchste Anerkennung entstehen. Man ist dann dem toten Künstler viel näher und ist ihm näher noch als sein eigener Name ihm gewesen ist. Man wird eins mit ihm in Körper und Geist, als wäre man selbst der Schöpfer jener Kunstwerke.
Die Persönlichkeitsvergötterung, die heutzutage getrieben wird mit lebenden Künstlern, ist, so wohlgefällig sie im Augenblick für beide Teile sein kann, im letzten Grunde kunstfeindlich. Nur die Kunstwerke sollten gefeiert werden. Für das Leben des Künstlers aber soll in unauffälliger, ehrerbietiger Weise von Heimat und Staat gesorgt werden. Des Künstlers Person aber soll nur dadurch geehrt werden, daß man den Künstler ungestört, unbelästigt von vergötternder Neugierde, unbelästigt von äußerlichen, persönlichen Ehrungen sein Lebenswerk vollenden läßt. Denn der Widerhall, die Nachricht wie seine Werke wirken, wird immer zu ihm dringen, und dies wird und soll ihm genügende Befriedigung sein. Und das Bewußtsein, daß er stillschweigend, mehr und mehr, als der Stolz seiner Stadt und als der Stolz seines Landes mit anderen Künstlern zugleich gepriesen wird, muß ihm genügen, wenn er sich ernst nimmt.
Heutzutage leben fast die meisten Künstler, aus ihrer Heimat entwurzelt, einer Großstadtkunst ergeben. Denn ihr Weltdrang wurde in den jungen Jahren nicht genügend befriedigt. Und statt daß sie von aller Welt Lebenseindrücke aufnehmen können, müssen sie in den Kaffeehäusern der Großstadt oder im Großstadtgetriebe Kreise bilden und sich dort zusammenhalten, um sich leben zu fühlen.
Da die Nation den Heranwachsenden keine Hand zum Vorwärtskommen, zum Weltbetrachten bot, nicht durch Reiseerleichterung, nicht durch Unterkunftshäuser, nicht durch Heimatsverpflegung, so bildeten sich in den Großstädten unter den entwurzelten Künstlern jene kommenden und gehenden, hastigen, neuheitswütigen Kunstrichtungen aus. Denn die jungen Männer wurden unruhig, angepeitscht vom beirrenden Großstadtgetriebe, hastig im Ausdenken neuer Kunstwerte. Ich erlebte eine ganze Reihe solcher kommender und schwindender Kunstrichtungen in den jetzt bald fünfundzwanzig Jahren meiner Erfahrung.
Die Zeitbetrachtung aber wird in späteren Jahrhunderten nur feststellen, daß um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts, ähnlich wie um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts, eine sich neubildende Weltanschauung die Künstler zu neuen Formen in der Dichtung, wie in der Malerei und der Musik kommen ließ.