Und dann wird auch dieses einmal vergessen werden, und es werden nur einzelne Lieder, einzelne Kunstwerke dastehen, und man wird, um ihre Entstehungszeit zu bezeichnen, sich kurz fassen, wie man von diesen und jenen Volksliedern heute sagt: „Sie sind aus dem zehnten oder zwölften Jahrhundert entstanden,“ oder, „sie sind um die Zeit Karls des Großen entstanden.“ Dieses wird dann die reinliche Ausscheidung des Bleibenden von dem Nebensächlichen sein. Von den Geburtswehen verschiedener Kunstrichtungen wird man nichts mehr wissen oder nicht viel darnach fragen. Das Kunstwerk allein soll wie ein kleiner oder großer Stern am Himmel der Vergangenheit stehen.

Das Sichzusammenschließen der Künstler, das Richtungen hervorbrachte, die schnell auftauchten und schnell von neuen Richtungen abgelöst wurden, trat wohl niemals so stark auf als in den neunziger Jahren. Die Wichtigsten aller dieser Richtungen aber blieben der Naturalismus und die Neuromantik, die sich gegenseitig den Rang streitig machen wollten. Zwei große Gegensätze kämpften damals unter den Künstlern.

Der Naturalismus hat das Wirklichkeitserleben der Dichter geschult, und dann kam später wieder Schulung der Gedanken- und Phantasiewelt hinzu, die man zu Anfang der neunziger Jahre vor lauter Schwelgen im Wirklichkeitserkennen versäumt hatte.

Ich glaube aber, daß literarische Richtungen nie mehr so hastig auftauchen werden wie damals, keine sich überstürzenden Richtungen mehr einander ablösen werden, sondern daß ein selbstverständliches, geistvolles Erzählen und ein ganz selbstverständliches Liedersingen, jedem Land angepaßt und jeder Provinz angepaßt, im ganzen Reich einsetzen wird, sobald Dichter und Volk wieder eine feststehende Weltanschauung bekommen haben.

Die christliche Weltanschauung war einmal ein künstlerisch befruchtendes Ideal und hat einmal Künstler und Volk eng zusammengeführt. Und auch in heidnischer Zeit, als die Götterideale bestanden, sind Künstler und Volk einheitlich begeistert worden.

So wird auch die Anschauung von der natürlichen Festlichkeit des Lebens, von dem Bewußtsein, daß wir alles besitzen und alle uns besitzen, zugleich mit der Erkenntnis, daß wir im tiefsten Grunde Schöpfer und Geschöpf, unwirklich und wirklich sind und Festgeber und Gast des Lebensfestes sind, ein einheitliches künstlerisches Ideal werden können. Denn diese Weltanschauung wird in einem Volke oder in allen Völkern der Erde, wenn sie Fuß gefaßt hat, die Herzen und die Gehirne des Menschen festlich kunstfreundlich erwärmen und erleuchten. Dann werden nicht mehr nach zwei, drei Jahren Kunstrichtungen auftauchen, Künstler und Volk verwirrend.

Dann werden Künstler und Volk sich nicht mehr entfremdet sein. Dann wird wieder stillschweigendes Einverständnis zwischen Künstler und Volk herrschen, wenn die Menschen — welche die Festlichkeit des Weltallebens und ihres eigenen Lebens anerkannt haben — nicht mehr nur die Welt als ein Jammertal oder als ein Durchgangsaufenthalt zum besseren Leben betrachten, sondern Zeit zum Kunstgenuß finden, und Zeit haben werden zur künstlerischen Vertiefung in alles Weltalleben.

Jedes so aufgeklärte Volk wird mit der dem Künstler angeborenen Festlichkeit Schritt halten können, wenn es sich zu dem Standpunkt aufschwingt, daß alle Leben sich selbst belohnen und selbst bestrafen, daß alle Leben teilhaben an der Allmacht, an der Allwissenheit und an der Unsterblichkeit des Weltallfestes, und daß alle Leben, zu festlichem Dasein zusammengekommen, Festlichkeit schaffen wollen. —

Wie es ein Schaden für das Land ist, wenn Bauern und Landleute in großen Massen die Dörfer verlassen und, statt Landbau zu pflegen, einen Stadtberuf wählen, so ist es ein Schaden für die Kunst und für das Künstlertum, wenn Künstler in Massen ihre Heimatorte verlassen und sich in den Großstädten ansammeln, weil sie glauben, dort ihren Welthunger befriedigen zu können.

Gebt den Künstlern kostenlos Reisefreiheit zu Wasser und zu Land, gebt dem Künstler sein Heimathaus in der Vaterstadt oder in ihrer Umgebung und gebt ihm Unterkunftshäuser — in der Art von Klubwohnhäusern in den Weltstädten —, wo jeder Künstler freie Verpflegung findet. Und er wird bei freier Reisemöglichkeit gar nicht den Drang haben, in den Weltstädten, die ihm im letzten Grund nur vorübergehend zusagen, sich für das ganze Leben dort niederlassen zu wollen. Das heißt, wenn er nicht selbst in einer der Großstädte geboren und dort zu Hause ist.