Die Möglichkeit, verschiedenste Länder und Weltstädte kostenlos besuchen zu können, und die Möglichkeit, kostenlos zur Bereicherung des Weltüberblickes große Seereisen machen zu können, alles dieses wird den Künstler nicht mehr heimatentwurzelt, sondern heimatsansässig machen, wenn er, heimgekehrt von den Reisen, die Arbeitsruhe ersehnt.
Wir leben in einer Zeit, die mehr von überzüchteter Großstadtdichtung lebt als von wohlgepflegter Heimatdichtung, welche in verschiedenen Landesteilen aus den verschiedenen Landschaften und verschiedenen Landschaftseelen aufblühen könnte, die aber nichts mit beschränkter Lokaldichtung gemein haben soll.
Man stelle sich vor: eine Provinzbevölkerung wohnt um einen Fluß oder um einen See. Eine andere Bevölkerung ist hauptsächlich auf Wald- und Wiesenland angewiesen. Eine dritte Provinz ist eine Heidelandschaft. Eine vierte liegt an der Meeresküste, eine fünfte liegt im Binnenland, in Bergen bei Bergseen, eine sechste kennt nur Gruben, Bergwerke, Fabriken, eine siebente treibt Ackerbau und hat Weinland und Hügellandschaft.
Wie verschieden ist die eine Bevölkerung von der anderen in jedem Landkreise! Wie verschieden müssen die Männer jeder Provinz denken und arbeiten! Und wie verschieden wird die Frauenschönheit, die im verschiedenen Menschenschlag, im verschiedenen Landeskreis auftritt, vom Künstler besungen und wiedergegeben werden müssen.
Es haben wenige Künstler ihre Heimat so geliebt wie zum Beispiel Fontane seine Mark liebte, und wie der Maler Hans Thoma sein badisches Land liebt. Wie jeder weise Mensch seine Eltern und seine nächste Familie näher fühlt als die Fremden, so wird in jedem Dichter die Heimatliebe zugleich mit der Liebesleidenschaft zu dem Weib, das er sich von irgendwo aus der Welt nach Hause geholt hat, am besten die innigsten und herzlichsten Stimmungen und Bilder aus seiner Dichterkraft auslösen.
Von allen großen Künstlern wissen wir, daß sie gerne gewandert sind. Ich erinnere nur an die Deutschen Walter von der Vogelweide, Dürer, Goethe. Und wie fruchtbar blühte Geist und Herz des Künstlers nach der Wanderzeit. Denkt an Richard Wagner, denkt an Nietzsche. In den jungen Jahren zogen sie alle hinaus und wechselten Ort um Ort. Aber der war nie ein großer Künstler, der nicht endlich seßhaft werden konnte. Und glücklich der, der dann die Seßhaftigkeit wieder in der Heimat finden durfte. —
Über meinen Lebenslauf in meinen Wanderjahren berichtete ich zuletzt von Stockholm, vom Winter 1894, von den Sonntagsbesuchen bei Ellen Key, wo ich den norwegischen Lyriker Sigbjörn Obstfelder, den Dichter der Traurigkeit, kennen gelernt hatte.
Eines Tages erzählte mir Obstfelder, er habe bei seiner letzten Sommerwanderung, als er mit seinem Geigenkasten durch die Berge Norwegens zu Fuß gereist war, eine junge schwedische Dame mit ihrer Mutter kennen gelernt. Der Vater der jungen Dame sei ein Großkaufmann. Obstfelder war jetzt öfters im Winter in dem Landhaus jener Familie draußen vor Stockholm zu Gast.
Im Laufe des Winters ergab es sich dann, daß ich jene junge Dame durch Obstfelder kennen lernte. Ich traf sie einige Male in einem stockholmer Lesesaal, wo man für zwanzig Öre stundenlang in einem lautlosen Zimmer Zeitungen aus aller Welt lesen konnte, und wo auch Bücher zu leihen waren. Später war ich dann in ihrem Hause eingeladen und hatte die Familie kennen gelernt.