Gleich nach der ersten Begegnung hatte ich, was mir sonst so schnell noch nie vorgekommen war, ein Gedicht über das schöne Goldhaar jenes Mädchens geschrieben. Ich merkte aber auch dabei, daß ich zum erstenmal in meinem Leben mehr als nur flüchtig verliebt war. Ich fühlte erstaunt, daß die ernsteste Seite meines Gefühls angeschlagen war.
Ungläubig und verwundert kämpfte ich zuerst gegen den befremdeten Liebesernst an, der beinahe schmerzlich in mir wach geworden war. Ich mußte mir immer wiederholen: nur mit diesem Mädchen, bei welchem scheuer, starker Geist und gesunder, keuscher Körper zusammenlebten und mir nicht bloß vom süßen Verlieben sprachen, sondern vom tiefen Zusammengehören, würde ich gern täglich meine Zukunft teilen.
Und bei ihr, sagte ich zu mir, kann ich mir den Begriff Ehe vorstellen. Vielen lieblichen, reizvollen, unterhaltenden und brennend berückenden Frauengeschöpfen war ich vorher begegnet. Manche hatte meine Sinne gefesselt, manche meine Gedanken unterhalten, manche hatte mir schöne Träume gegeben. Und verschiedenste Liebesgefühle konnte ich mir bei all den verschiedensten Mädchen vorstellen, jede war wie eine Farbe oder eine Farbenabstufung gewesen. So wie man einmal ein schönes Blau liebt, einmal ein feuriges Rot, einmal ein erfrischendes Grün, einmal ein stolzes Goldgelb, so wie einzelne Farben belebend und entzückend wirken können, so waren mir verschiedene Mädchen vorher nahe gekommen. Aber wie man nicht nur eine Farbe sein Leben lang ansehen möchte, so war ich immer bei jeder Frau früher oder später dem Gedanken ausgewichen, eine von ihnen meinem Leben für immer verbinden zu wollen.
Aber dieses schwedische Mädchen jetzt war die erste, die keiner einzelnen Farbe ähnlich war. Sie war, wie jeder Lebenstag, eine Vereinigung aller sieben Farben. Ich konnte erschütterndes Rot in ihr finden und besänftigendes Blau, das erquickende Grün und das machtvolle Goldgelb. Ihr Herz war von der Natur warm und verständig gebildet, so daß es nicht wie ein einfarbiges bengalisches Feuer mein Herz nur festlich blendete, sondern ich fühlte mich in jenes Mädchens Nähe festlich befriedigt und wußte, nachdem wir uns kaum einige Stunden gesehen hatten, daß ihr Leben mir gehörte, und daß das meine ihr gehören müßte.
Eigentlich wäre es das Einfachste gewesen, wenn ich ihr dies alles gleich gesagt hätte. Aber die neue Liebeserkenntnis war, wenn ich die Lippen öffnen wollte und sie zu ihr aussprechen sollte, mir selbst noch so ungeheuerlich überraschend, daß ich zauderte und immer schweigend hinhorchte, ob ich nicht den Schall und die Aufregung dieses Ereignisses in und um mich laut werden hören könnte.
Ich war bestürzt dumm wie Hans im Glück. Eines nur bestätigte mir den Hall des Ereignisses. Das war die Tatsache, daß ich über diese Frau in den nächsten Tagen wieder ein Gedicht machen mußte und wieder ein Gedicht — und so fort bis auf den heutigen Tag. Und dieses Besingen ihrer Erscheinung war natürlich der Schall des laut gewordenen ernsten Gefühles, das mich erschütterte.
Es war im Frühjahr 1895. Niemand außer dem jungen Schweden hatte ich es gesagt, daß ich mir meine zukünftige Frau in jenem jungen Mädchen vorstellen konnte, das ich öfters, bei verschiedenen Gelegenheiten, bald in Gesellschaft anderer, bald zufällig allein im Lesesaal wiedergesehen hatte. Der jungen Dame selbst hatte ich keine Andeutung gemacht. Denn ich fand es ganz lächerlich, daß ich junger Fremdling, der ich nur von meines Vaters Gnade leben durfte und mich hilflos vor einer ganz unklaren Zukunft befand, wagen sollte, an die Möglichkeit zu denken, vor den Vater dieses Mädchens hinzutreten, um seine Tochter als Frau zu verlangen.
Meine Verhältnisse hatten sich nicht geändert. Und in den Bürgerkreisen rechnete man es einem jungen Mann, der nicht Universitätsstudent war, übel an, wenn er in meinem Alter von siebenundzwanzig Jahren noch keine anderen Einnahmen hatte als die Unterstützung von zu Hause.
Täglich fühlte ich mich gedemütigt von dieser Lebenseinrichtung, die den jungen Dichter oder jungen werdenden Schriftsteller lieblos und gedankenlos behandelt und ihm keine staatliche Lebensvergünstigung, keine staatliche Fürsorge für sein weiteres Fortkommen und für seine Entwicklung bietet. Von Monat zu Monat mußte ich in ausführlichen und eindringlichen Briefen immer wieder meinen weiteren Unterhalt von meinem Vater erbitten.
Wie hätte ich da wagen sollen, in einem fremden Land in ein reiches Kaufmannshaus einzutreten und um die Hand der Tochter zu freien! Wenn ich auch auf ein späteres Erbteil von zu Hause rechnen konnte, so lag mir das doch ganz fern, solange mein Vater lebte, etwas von seinem Tod erhoffen zu wollen. Dieser Gedanke hätte mir nicht geschmeckt, und ich hätte nicht gewagt, mich auf diesen Gedanken zu stützen und den Vater des Mädchens darauf hinzuweisen.