Im Frühjahr 1895 begegnete ich eines Tages, als ich in Stockholm in einen offenen Trambahnwagen aufsprang, der jungen Dame, die bereits eingestiegen war. Und ich saß neben ihr, sehr vergnügt darüber, sie einmal ganz allein und nicht in dem lautlosen Lesesaal zu sehen, wo man sich neben anderen Lesern immer nur ein geflüstertes „Guten Tag“ und „Lebewohl“ hatte zunicken können.
Es war elf Uhr vormittags, und die Sonne schien freundlich, als hätte sie uns beide zusammengeführt, und als freue sie sich jetzt mit uns. Draußen eilten während der Fahrt die sonnenbeleuchteten Häuser vorüber und Stockholms Brücken, die Bildsäulen der Könige, die Schiffe im lebhaften Mälarenwasser und das vornehme Stockholmer Schloß, das wie eine einzige Terrasse über das stahlblaue Stromwasser herschaut.
Mir schien, ich hatte die schwedische Hauptstadt nie so glänzend und frühlingsbewegt gesehen als jetzt an der Seite des jungen Mädchens, die einen gütigen Hauch von Familienunschuld mit einer frischen, neuzeitlichen Weltart in ihrem sicheren und freundlichen Wesen vereinigte.
Ich war beglückt, daß sie einiges über mich wissen wollte, wenn es auch nur kleine unbedeutende Fragen waren, die sie an mich richtete. Einen Augenblick war es mir, als führen wir beide ganz allein durch die Welt. Und da kam es mir leicht über die Lippen, ihr zu erzählen, daß ich ein paar Gedichte über sie geschrieben hatte.
Sie sah erstaunt und erfreut aus und fragte, ob sie die Gedichte lesen dürfte. Da aber wurde mir klar, daß diese Gedichte die innerlichste Liebeserklärung enthielten, der ich je in meinem Leben Wort gegeben hatte. Und ich wußte nicht recht, ob ich ja oder nein antworten sollte. Indessen hielt der Trambahnwagen, und die junge Dame mußte aussteigen. Und im Aussteigen sagte sie nochmals:
„Bitte, bringen Sie doch die Gedichte in den Lesesaal mit.“
Ich sagte rasch: „Nein, ich werde sie Ihnen mit der Post schicken.“
„Ich bitte, tun Sie es bald,“ rief sie mir noch zu und reichte mir die Hand.
Aber kaum war ich im Wagen allein und kehrte wieder zu meinem nüchternen Sorgendasein zurück, da sagte ich mir: sie hat keine Ahnung, was diese Gedichte sagen. Sie glaubt vielleicht, es sind nur ein paar spöttische oder schelmische Reimereien. Und ich nahm, als ich nach Hause kam, die Gedichte und las sie noch einmal durch. Und während ich las, war es mir, als säße die junge Dame wieder neben mir, wie vorher in dem Trambahnwagen.
Und da überströmte mich ein warmes zukunftsgläubiges Gefühl, und ich sagte mir: mag werden, was will. Mag sie mich verlachen oder mag sie erschrecken — ich werde ihr die Gedichte schicken. Und ich schrieb dieselben auf schöne saubere weiße Blätter. Aber schon während des Schreibens schämte ich mich wieder, und mein Zimmer und ich selbst wurden mir unheimlich.