Mein Blut wogte dann auf und nieder, als ich die Blätter in einen Briefumschlag getan. Und als ich meinen Mantel anzog, um zum Briefkasten zu gehen, war mir jede meiner Bewegungen fremd und neu. Es wurde mir klar, die nächsten Tage mußten etwas ganz Ungewohntes bringen. Ich konnte mir aber nicht ausdenken, wie sich jenes Mädchen benehmen würde, wenn es die Gedichte empfangen hatte.
Entweder, sagte ich mir, war ich, wenn es die Gedichte gelesen hatte, sein erklärter Bräutigam vor meinem und seinem Herzen oder, wenn es sich ablehnend und erschrocken benahm, müßte ich gleich fort aus dieser Stadt. Denn nach dem Überreichen der Gedichte würde es mir nicht möglich sein, in denselben Straßen zu gehen, wo die Geliebte täglich ging, und in diesen Straßen unter ihren Augen meine ihr offenbarte Sehnsucht kalt zu machen und zu begraben.
So lange sie nichts von meiner Neigung wußte und kein Wort, kein Blick, kein Gedicht mich ihr verraten hatte, konnte ich in ihrer Nähe alle meine Träume und meine Hoffnungen entstehen, kommen und gehen lassen und war immer noch mein eigener Herr über mein inneres Leben. Aber wenn ich diesen Brief mit den Gedichten dem Briefkasten übergeben hatte, war ich der Knecht einer Aufrichtigkeit geworden, die vielleicht verfrüht war oder vielleicht niemals jener Frau zu Bewußtsein kommen sollte.
Ich ging dann am ersten Briefkasten vorüber und sagte mir: es gibt mehr Briefkästen. Und ich ging an dem zweiten Briefkasten vorüber und sagte mir: du hast ja den ganzen Tag Zeit, den Brief in den Briefkasten zu werfen. Und so kam ich zur Straße, in der die Stadtwohnung der Familie jenes Mädchens war. Und da war wieder ein Briefkasten. Dieser war der verführerischste von allen Briefkästen.
Ich ging dort ein paarmal auf und ab; aber während ich von weitem das Haus ansah, wo jene junge Dame ahnungslos in ihrem Familienkreis, bei ihrem tüchtigen Vater und bei ihrer tüchtigen Mutter, von Sitte und Würde umgeben, wohnte, da befiel mich wieder die Scham vor meiner Armut.
Nein, niemals, sagte ich mir, werde ich mich lächerlich machen, und ich werde in einem fremden Land nicht um ein fremdes reiches Mädchen werben, ehe ich nicht genug besitze und frei und unbefangen das Vertrauen der Eltern fordern kann.
Es war mir darnach nicht schwer, den Briefkasten zu meiden. Und ich eilte, so schnell ich konnte, zu meiner Straße zurück. Und wenn es mir auch unterwegs öfters noch einen Ruck gab, und ich schnell einen hastigen Griff in die Tasche tun wollte, um den knisternden Briefumschlag mit den ehrlichsten Liebesgedichten in den nächsten Briefkasten zu werfen, so kam ich doch glücklich in mein Zimmer zurück, und dort verbrannte ich sofort in meinem Ofen den Briefumschlag mit den Gedichtabschriften.
„Gottlob, welcher Torheit bist du entgangen!“ sagte mein Verstand. „Aber nein,“ weinte mein Herz, „nun ist es wieder alltäglich um mich, und alle Festlichkeit, die da hätte entstehen können, ist im Ofen zu Asche verbrannt. Warum quälst du mich so lange? Warum hast du nicht mutig gewagt, was gewagt werden muß?“
„Oh,“ lachte mein Verstand roh. Und er schickte mir eine schamheiße Blutwelle ins Gesicht. „Wie lächerlich wärest du morgen vor dir dagestanden, sowohl, wenn jene ‚nein‘, als wenn sie ‚ja‘ gesagt hätte.“