„Nein, nein, nein, Liebe ist nie lächerlich,“ schluchzte mein Herz. Und ich lief aus dem Zimmer fort, um Luft zu schnappen. Denn ich wußte mir nicht mehr zu sagen, hatte ich vernünftig oder unvernünftig gehandelt.
Am nächsten Tag war ich aber doch zufrieden, daß ich mich nicht verraten hatte, denn ich hatte Herz und Verstand Frieden schließen lassen. Sie waren beide mit mir zu folgender Überzeugung gekommen: Ist diese Frau wirklich mein Schicksal, wie ich es so sehr ersehne, dann wird mir dieses Schicksal nicht entgehen. Ich werde dann, wie ich auch in bezug auf sie handle, immer recht handeln. Wenn ich auch meine Gedichte vor ihr nicht enthüllen darf, wird sie doch mit der Zeit ahnen müssen, was ich für sie empfinde.
„Habe Geduld und überlasse alles der Zeit und deinem Schicksal,“ sagten Herz und Verstand zu mir, friedlich geworden.
Es war an diesem Tag der erste Mai, und die Sonne schien so fröhlich wie am Tage vorher, da ich der heimlich geliebten begegnet war. Und an die fröhliche Vormittagsonne, die in meinem Zimmer die Leere wärmte, war seit der Begegnung der gestrigen Vormittagfahrt im Trambahnwagen an dieses Vormittagsonnenlicht die Erscheinung des jungen Mädchens gebunden. Es war mir, als säße es jetzt wieder zwischen elf und zwölf Uhr vormittags neben mir. Aber heute saß es an meinem Schreibtisch.
Nach dem Mittagessen sagte die liebenswürdige, aber halb taube, gütige Pensionsdame zu mir, es müsse mir etwas ganz besonders Angenehmes begegnet sein, da ich heute einen so glücklichen Ausdruck hätte. Und eine ältere Freundin, die mit ihr, nachdem die Tischgäste gegangen waren, noch allein im Eßsaal geblieben war, drohte mir, schelmisch lächelnd, mit dem Finger, als wollte sie sagen: Sie haben wohl ein kleines Herzensabenteuer erlebt.
Durch die Balkontüre, die gegen den Tegnerplatz hinsah und breit offen stand, fiel der Maiensonnenschein glänzend in das große Eßzimmer, und der lange Balkon vor den Fenstern lockte hinaus in die sonnige Luft. Da bekam ich einen scherzhaften Einfall; ich drehte meinen Ring am Finger um, so daß der Stein des Ringes an die Handinnenseite kam und der Ring dann nur als Goldreif wirkte. Ich deutete lachend auf den glatten Goldreif und sagte halb ernst, halb scherzend zu den beiden älteren Damen: „Ich habe mich heute verlobt.“
Dieser Satz lag, seit der letzten Begegnung mit jenem jungen Mädchen so sehr oft vorgesagt, in meinem Herzen und meinem Verstande da, daß die festliche Stimmung, der Sonnenschein und die auf ein Liebesereignis hindeutenden Fragen der Damen mir spielend den Satz entlockten: „Ich habe mich heute verlobt.“
„Ach,“ riefen die beiden Damen fröhlich erstaunt, für Scherz und für Ernst bereit, „heute am ersten Mai haben Sie sich verlobt? Und das erfahren wir jetzt erst?“
„Ja, es bleibt einstweilen noch Geheimnis,“ sagte ich lachend weiter.
„Das müssen wir feiern,“ meinte die Hausdame. Und sie ließ gleich den Kaffeetisch, an den wir uns eben setzen sollten, auf den Balkon hinaustragen und ließ eine auf Eis gestellte Flasche schwedischen Punsch bringen.