Als wir in der Sonne saßen, wollten aber die Damen wissen, wer jene Dame sei, deren Ring ich an der Hand trüge. Aber der Scherz wurde mir nun beinahe zu ernst, und, in die Enge getrieben von der fröhlich festlichen Stimmung der Fragenden, die mit den Punschgläsern auf das Wohl meiner Braut anstoßen wollten, wenn ich ihren Namen genannt hätte, blieb mir nichts übrig, als lachend zu erklären, indem ich mit der Hand auf die Sonne deutete, die mir so warm aufs Herz schien und so frühlingshaft erregt zu uns über das Balkongeländer sah: „Ich habe mich heute mit der Maiensonne verlobt.“
Die Damen, die gern Scherz liebten, waren über den zahmen Einfall nicht böse. Und sie glaubten vielleicht auch heimlich, ich wollte den Namen meiner Herzensdame nicht nennen. Sie stießen dann fröhlich mit den Punschgläsern auf das Wohl meiner Braut, der Maiensonne, an.
Mein Herz aber und mein Geist waren während dieses Vorgangs weit von dem Balkon abwesend. Meine Hand spielte zwar mit dem Ring, mein Gesicht lachte mit den Damen, meine Augen vergnügten sich an der Maiensonne, aber es fehlte mir mein Kern. Es fehlte meinem äußeren Dasein in jenem Augenblick mein innerstes Dasein. Und heute erst beim Rückblick weiß ich, wo in jener halben Stunde damals mein innerstes Leben geweilt hat.
Es war nicht in die Wohnung zu jenem jungen Mädchen gegangen. Mein innerstes Leben war von jenem Balkon fort, allwissend gegen den Strom der Zeit angeschwommen und hatte hellsehend ein Jahr vorausgeschaut und war frei und fröhlich geworden, weil es gerade über ein Jahr am nächsten ersten Mai jenes junge Mädchen und mich zusammen in einer der Straßen von Paris fand, wo wir eben unseren Verlobungstag feierten.
Und mein Herz wollte in mir aufjubeln, aber mein Leben durfte nicht jenen Damen, die da so fröhlich ahnungslos am weißgedeckten Tisch bei mir saßen, zulachen, denn es sah allwissend noch anderes. Es sah, daß die Hausdame, die mich zuerst gefragt hatte, welches Glück mir begegnet wäre, nicht mehr am Tische saß, und daß ihre Freundin in Trauer gekleidet umherging.
Denn jene, die da vor mir lachte, sah nicht mehr die Maiensonne des nächsten Jahres. Sie starb im Vorfrühling, und meine inneren Augen sahen bereits ihren Platz am Tisch leer. Und mein innerer Jubel über meine Verlobung durfte nur scheu in mir antönen.
In diesem zweigeteilten Gefühl stand ich vom Kaffeetisch auf und verabschiedete mich von den beiden Damen, auf deren Verlangen ich mich auch zum Abschied vor der Maiensonne verbeugen mußte. —
Als der Sommer kam und sich alle Welt aus der Stadt fort, auf Reisen, aufs Land und in alle vier Windrichtungen zerstreute, reiste ich, um mein Vaterhaus zu besuchen, nach Deutschland. Und zu Hause angekommen, erzählte ich dann meinem Vater, daß ich mich gern in Schweden mit einem jungen Mädchen verheiraten möchte. Er fand das gut, aber als er mich fragte, wovon ich mit meiner Frau leben wollte, wurde es mir wieder klar, daß man als junger Dichteranfänger der Wirklichkeit schutzlos und hilflos gegenübersteht.
Der Dichtergeist sagte zu mir: „Du darfst nicht ans Geldverdienen denken, darfst nie mit der Dichtung Geld verdienen wollen, sonst helfe ich nicht beim Dichten mit. Wenn dir deine Werke von selbst Geld einbringen werden, so ist das gut und schön. Aber um des Geldes willen dir zu dienen, dazu gebe ich mich nicht her. Ich will nicht Knechtdienst tun.“