Nur draußen auf der Straße konnte man die Laubkronen der uralten hohen Ulmen über der langen Mauer sehen und die Singvögel, die von Krone zu Krone flogen. Dieser Garten hinter jener Mauer war in jenem Sommer, den wir in dem heißen Paris verbrachten, nur eine Sommerfrische für unsere Ohren.

Manchmal stand ich frühmorgens um fünf Uhr auf, von dem Rauschen des unsichtbaren Gartens aus dem Bett gelockt, und ging allein auf dem leeren breiten morgenfreundlichen Boulevard Raspail nach dem eine halbe Stunde von unserer Wohnung entfernt liegenden Park Montsouris. Dieser liebliche Mäusebergpark ähnelt sehr einer japanischen kunstvollen Gartenanlage.

Es befindet sich dort ein großer glänzender künstlicher See von künstlichen Hügelwegen, sprudelnden Quellen und kleinen Schluchten umgeben. Auf dem pflanzenreichen Wasser tummeln sich viele hundert verschiedene Wasservögel, bunte chinesische Enten, afrikanische rosa Flamingos, schwarze australische Schwäne und silberblaue Möwenarten der Polarmeere. Der Garten hatte damals nur wenig hohe Bäume, aber viel blühendes Buschwerk.

Eines Morgens bemerkte ich dort ein vornehmes Gefährt, das am Gitter stand, aber ich beachtete es nicht besonders. Als ich dann hoch oben auf den Hügelwegen spazierte, sah ich auf der gegenüber liegenden Seite des Sees zwei Frauen auf einer Bank mit heraufgezogenen Beinen nebeneinander sitzen. Ich stand halb verdeckt hinter einem Goldregenstrauch und blieb erstaunt stehen, um durch mein Hervortreten auf den offenen Weg nicht die Aufmerksamkeit der seltsam kauernden Frauen auf mich zu richten.

Ich war um diese frühe Stunde gewöhnlich der einzige Spaziergänger im Garten. Außer dem alten grauen Invaliden, in dessen Obhut die Parkbewachung lag, der mich schon kannte und dem ich öfters beim Füttern der Wasservögel zusah und mit dem ich manchesmal plauderte, war sonst kein Mensch zu sehen.

Die beiden Frauen hatten keine Hüte auf und waren so schlicht und schmucklos gekleidet, daß ich sie im ersten Augenblick für junge Fabrikarbeiterinnen hielt, die da frühmorgens auf dem Wege zur Fabrik, mit häuslicher Näharbeit beschäftigt, eine Weile den blühenden Park genießen wollten.

Dann sah ich aber mit Erstaunen, daß die Frauen, die dort lautlos, wie zwei graue Mäuschen, mit hochgezogenen Beinen auf der Bank saßen, zwei vornehme Japanerinnen waren. Und der Invalide erzählte mir später, es seien Damen der japanischen Gesandtschaft, die mit ihrem Wagen zur frühen Morgenstunde den Park öfters aufsuchten, und die lautlos, jede mit einer Seidenstickerei in der Hand, ein Stündchen hier verbrachten. Die Kleidung einer jeden von ihnen war ein unauffälliger japanischer Kimono aus schiefergrauer Seide. Die Köpfe der Frauen waren schön frisiert, und außer dem schwarzen glänzenden Haarknoten trugen sie keinen Kopfschmuck.

Hätten sie nicht nach asiatischer Sitte mit heraufgezogenen Beinen auf der Bank gesessen, sie wären mir gar nicht aufgefallen, und ich hätte sie von weitem für zwei schlichte Frauen aus dem Volk gehalten. Unauffällig verschmolzen diese stillen Wesen mit dem Morgenleben der Gartenwelt.

Diese vornehmen Damen aus der hohen japanischen Aristokratie waren nicht auffälliger in ihrer Kleidung und in ihrem Gebaren als die Amseln oder die Tauben, die im Rasen ab- und zuflogen. Eine zufriedene vornehme Einheit trennte bei ihnen nicht Körper und Kleidung voneinander. Ihre schlafrockartigen Kimonos waren für die Körper schlichte Behälter, wie das Federkleid es für die Vögel, wie das Fell es für die Tiere ist.