Diese asiatischen Kleider waren gütige und selbstverständliche Hüllen für den Leib, die in großzügiger Linie die Gestalt nur andeuteten, die Glieder schützten, aber nicht allen Körperlinien nachliefen. Es war nur Selbstverständlichkeit und keine Selbstgefälligkeit in dieser klugen Kimonokleidung, die, wie es schien, sowohl auf der Straße als hier im Garten, sowie im Hause, vor allem Schlichtheit, edle Nützlichkeit und vornehme Haltung betonte.

Ich habe dann jene Damen nicht wiedergesehen. Vielleicht hat es sie verscheucht, daß sie sich im Park nicht mehr allein wußten, aber ich habe dasselbe Bild später oft in Japan wiedererlebt. Sowohl in der Eisenbahn dort als im Geschäftsleben war es die Unauffälligkeit, die die wohlanständige japanische Frau kennzeichnet. Nur die Teehaustänzerinnen, die das Bürgerstadtteil verlassen haben und ein eigenes Stadtteil in Japan bewohnen, das abends für die Besucher geöffnet wird, nur diese tragen auffallende feuerbunte Kleider, die mit Blumen in Gold und Purpur bestickt sind. Und auch die kleinen Kinder läßt man in kunterbunten Kleidern eine äußerliche Lebensfreude öffentlich zur Schau tragen.

Der gebildete Mensch, der das innere Leben reich in Gemüts- und Seelenfarben erlebt, wird den äußeren Farbenbehang gern vermeiden.

Nur das Kind, das noch nicht reif für das Innenleben ist, und jene Frauen, die ihr Leben daran setzen, allein den Sinnen zu schmeicheln, die sollen zu den Farben greifen. Aber die häusliche und im Gleichgewicht zwischen Geist und Körper lebende Frau wird immer die Schlichtheit dem grellen Auftreten vorziehen. —

Damals, nach meinen häufigen Besuchen in den Louvresammlungen und in der asiatischen Sammlung Guimet, kam mir die Sehnsucht, Ägypten und Griechenland zu besuchen, Indien, China und Japan. Griechenland bereiste ich dann im zweiten Jahr meiner Verheiratung. Die anderen Länder sah ich erst zehn Jahre später. Aber es war mir in allen diesen zehn Jahren, bis ich die Weltreise in meinem achtunddreißigsten Lebensjahre ermöglichen konnte, ein stetes Bedürfnis, von asiatischen Ländern zu hören. Von den Ländern, aus denen wir alle unsere Weisheit und künstlerische Kultur erhalten haben, von jenen Ländern, die von jeher ihren Hunger nach Kunst so selbstverständlich befriedigt haben wie den Hunger ihres Magens. Künstlerische Schönheit gehört bei den Asiaten zum Leben wie das tägliche Salz, ohne das der Mensch nicht leben kann. —


Teils angeregt durch die Kraft der Liebe, teils angeregt durch die Gespräche kabbalistischer und okkultistischer Art schrieb ich in jenem Sommer 1896, wo ich, eben verheiratet, in jenem Atelier in Paris wohnte, das Epos „Phallus“. Auch diese Dichtung zähle ich noch zu meinen Jugendschriften.

Dieses Gedicht schildert, wie der Riese Zeit und die Riesin Leben, nachdem sie neun Jahre sich geliebt hatten, den jungen Gott Phallus schufen, den Gott der männlichen, lebenfortpflanzenden Kraft. Der junge Gott, von den Menschen verkannt, wandert durch die Straßen der Städte der menschenüberfüllten Welt und findet die Menschen in Kleidern aus Sorgengarn gekleidet und mit Mützen aus Maulwurfsfellen über den Ohren. Und sie wohnen in Backsteinhäusern, deren Steine aus dem Staub untergegangener Völker gebacken sind, und die Menschenasche der Jahrhunderte, die sich auf den Wegen der Erde angesammelt hat, erstickt die Geister und Gedanken der kommenden Geschlechter.

Da tritt Phallus, nackt und herrlich geformt, unter diese im Menschenstaub lebenden sorgengrauen Menschen. Die frische Weisheit der Quellen, die starke Kraft der Wurzeln aller Bäume, die Härte aller Metalle der Erde, die Brunst der Tiere und der Geist des Himmels haben den jungen Gott großgezogen, als ihn Vater und Mutter liegen gelassen, wo sie ihn geboren.

Er kommt in der Stadt in das höchste Haus, dessen Wände nach allen vier Windrichtungen sehen. Auf den Treppen und Gängen des Hauses findet er Hunderte von Leichen junger Männer, in deren leeren Augenhöhlen Schwärme von Fliegen nisten.