Und dann wird später geboren: Rundherz, der erste rundherzige Mann, und Rundherz, die erste rundherzige Frau. Und Goldklang und Goldwort. Diese leben bei Bäumen und Tieren glücklich wie Mutter Herzfreude im Urblau. —
Ich gab den Inhalt dieser Dichtung deshalb hier an, um an die Gedankengänge zu erinnern, die durch jenes Buch gehen. Man wird erkennen, wie sehr dieses Gedicht aus den Gefühlen und Gedanken jenes Lebensabschnittes hervorgegangen ist, aus dem Leben meiner jungen Ehe und aus dem Verkehr mit dem okkultistischen amerikanischen Ehepaar. Aber im tiefsten Grunde natürlich war das Epos von meiner festlichen Weltanschauung beeinflußt worden.
Dieses Epos „Phallus“, ebenso wie die „schwarze Sonne“, deren Entstehung ich schon früher beschrieb, das Buch „Ultraviolett“, das Drama „Sun“ und das Drama „Sehnsucht“, waren Arbeiten, die ich vom fünfundzwanzigsten bis zu meinem dreißigsten Jahre schrieb.
Außerdem hatte ich in jenem Jahre 1896 von Gedichten einen kleinen Band liegen, den ich teils im Herbste 1894 geschrieben hatte, teils stammen die meisten dieser Gedichte aus dem Jahr vor meiner Verheiratung. Dieses Bändchen von ungefähr hundert Gedichten war mir ein kleines Heiligtum. Es waren darin meine ersten Liebeslieder, und ich hatte mir vorgenommen, sie nie zu veröffentlichen. Ich schämte mich, meine innigsten Gefühle anderen zum Lesen zu geben, und ich sagte zu meiner Frau, daß diese Liebesgedichte erst nach meinem Tod erscheinen dürften.
Ich wünschte Dichter zu sein, aber wollte nicht nach der öffentlichen Anerkennung streben, da die Anerkennung von ihr, der ich meine Gedichte schrieb, mich reichlich zufriedenstellte. Die bedichtete Liebe gehört nicht in die Öffentlichkeit, so dachte ich damals. Liebe ist jedes Menschen innerste Herzensangelegenheit, meinte ich. Und wenn ich aufgefordert wurde von Zeitschriften und Zeitungen, eines der Liebesgedichte zu senden, antwortete ich nicht.
Denn meine Liebe hatte noch die Schamhaftigkeit des jugendlichen Alters. Sie war noch nicht die Liebe des ausgereiften Mannes. Ich glaubte, daß meine Liebesinnigkeit von der Welt belächelt werden könnte. Ich hatte noch nicht die Weisheit im Fleisch, daß man die Welt in sich besitzt, und daß das Echte, das einen bewegt, alle Echten auch bewegt, und daß alle in der großen Welt von der gleichen Innigkeit der Freuden leben und von den gleichen Qualen der inneren Leiden.
Wer seine Freuden oder Leiden in einem Kunstwerk wiedergeben kann, in einem Musikstück, in einem Bild oder in einem Gedicht, der gibt damit im letzten Grunde nicht sich, nicht seine Innigkeit, nicht seine Erschütterungen, sondern er gibt die Gefühlswelt aller. Darum ist es eine falsche Schamhaftigkeit, Gedichte oder Kunstwerke, die aus dem Liebesinhalt eines Lebens stammen, vor der Öffentlichkeit verbergen zu wollen.