Damals war meine Zurückhaltung nur insofern gerechtfertigt, als der Band Gedichte, den ich „Reliquien“ nannte, zu meinen Jugendgedichten zu rechnen ist. Ich versuchte bei diesen Gedichten in den ersten Anfängen eine neue Form und Kürze, die ich erst später sicherer handhaben konnte. Und ich wollte weder die Innigkeit, noch die Neuheit belächeln lassen.
Wieviel muß ein junger Künstler mit sich selbst durchkämpfen! In der Dichtung kann nicht einmal ein Freund den Freund beraten. Keinen Freundesweg, keinen Schulweg, keinen Staatsweg, nur den eigenen Lebensweg, nur den eigenen Verantwortungsweg kann der junge Künstler beim Schaffen gehen.
Bei all dieser Verantwortung des innerlichsten Berufes wird dem jungen Dichter nicht einmal äußere Hilfe zuteil, keine Erleichterungen, die ihm der Staat auf Reisewegen verschaffen könnte, keine Erleichterungen durch Staat und Vaterstadt. Den jungen Dichtern, auf die später einmal nach Hunderten von Jahren die Nation angewiesen ist zurückzuschauen, und die sie als die Förderer ihrer Geistesschätze und ihrer Herzensbildung den Kindern und Kindeskindern nennen, wird von ihrer Nation bei Lebzeiten keine Sorgfalt zuteil.
Keine Hand rührt sich im Staatshaushalt, die heranwachsenden Dichter zu pflegen, die innerlich ganz aufgenommen sind von ihrer geistigen Entwicklung und von ihrem vertiefteren Empfindungsleben, in dem sie untertauchen müssen, von der Oberfläche des Alltags fort. Niemand bedenkt, daß Dichter nicht daran denken können und auch nicht daran denken dürfen, Geld mit ihrer Kunst zu verdienen, um ihrer künstlerischen Entwicklung nicht zu schaden.
Viele jener jungen Männer müssen deshalb die verzweiflungsvollsten Stunden und Tage durchmachen. Sie werden bitter davon gepeinigt, mitten in der Welt des Verdienens verdienstlos dastehen zu müssen, trotzdem sie unausgesetzt arbeiten, trotzdem es für sie keine Ruhetage gibt. Ich möchte auch sagen, keine Ruheaugenblicke gibt es für sie, denn des Künstlers Leben ist ein stündliches unausgesetztes Ringen, der inneren Welt schöpferischen Ausdruck zu geben.
Nie sind Künstler in einem Augenblick ihres Lebens ganz frei von diesem Schöpfungsfieber. Denn das Leben des Künstlers bewegt sich im Verhältnis zum Leben der Gelehrten, Kaufleute und Handwerker in fieberhaftem gesteigerten Zustand, und dieser ist viel gesteigerter als der Fieberzustand, in dem ein Erfinder lebt.
Der Erfinder kämpft mit der Gestaltung neuer Wirklichkeit, die Künstler aber müssen neue Unwirklichkeit gestalten.
Verleger und Zeitschriften können einem jungen Dichter nicht viel nützen. Sie sind Geschäfte, die für ihren Vorteil arbeiten müssen. Gedichte werden mit Kleinigkeiten bezahlt und nicht nach ihrer Güte und nicht nach ihrem Inhalt und innerem Wert, nicht wie man Juwelen abschätzt, für die man nach Feuer, Glanz und Schliff die Preise bestimmt.