Und doch benötigt jedes Volk Gedichte und Dichter, wie es Heldentaten und Helden benötigt. Weil der Lebensgeist, die Lebensfreude und der Lebenssinn erst im Kunstwerk seine Krönung findet. Und weil der Nachwelt im Gedicht die Gefühlswelt der Vergangenheit übermittelt werden soll. Kein Volk sollte es vernachlässigen, seinen jungen Künstlern breiteste Lebenserleichterung zu bieten. Das Volk, das dieses tut, bietet sich dann selbst ein höheres Leben.
Nachdem ich einige Monate verheiratet war, kam das, was ich schon vorausgesehen hatte, daß das Geld, das mein Vater mir im Frühjahr gegeben hatte, rasch zur Neige ging. Denn ich hatte damit Hochzeitsreise und den Sommeraufenthalt in Paris bestreiten müssen. Und als ich das Gedicht „Phallus“ beendet hatte, wußte ich genau, daß jetzt noch niemand dasselbe kaufen würde, und daß das, was man mir vielleicht dafür böte, so wenig sein würde, daß man sich davon nicht viel Lebenstage kaufen könnte. Erst fünf Jahre später nahm dieses Gedicht die Zeitschrift „Insel“ für einige hundert Mark.
Diese Ohnmacht, nichts verdienen zu können und doch die Zeit bei unausgesetzter Arbeit zugebracht zu haben, zu wissen, daß ich mich zugleich in fortgesetzter geistiger Weiterentwicklung befand und eine neue Weltanschauung verkörpern wollte, die täglich meine Gedanken und mein Empfinden beschäftigte — alles dieses hätte mich verfinstern müssen.
Wohl wurde ich oft verdüstert. Aber die junge Liebe, die ich erlebte, war zu süß und ließ keine Verbitterung in mich dringen. Ich fühlte nur, daß die Welt nicht in Ordnung war. Und wenn ich mich auch schämte, Freunde und Verwandte um Weiterhilfe immer wieder von neuem angehen zu müssen, so sagte doch mein Inneres: es wird sich ganz von selbst eines Tages beweisen, daß die Hilfe, die man mir gab, nicht schlecht angewendet war.
Im letzten Grund gab ich die Schuld, daß ich bitten mußte, der ungenügenden Gesellschaftsordnung, in der ich heutzutage lebte, und die jeden jungen, sich entwickelnden Dichter ganz aus dem Auge ließ und ihn zum Bitten und Betteln zwang und ihn dem Mitleid und zufälliger Unterstützung aussetzte. Sowie man früher nicht auf das Volk- und Arbeiterwohl bedacht gewesen war, so war man jetzt noch nicht auf das Künstlerwohl bedacht; aber diese Erkenntnis war schmerzlich, je klarer sie mir wurde.
In Petersburg lebten noch Verwandte meiner Mutter und alte Freunde meines Vaters. Und da ich meinem Vater hatte versprechen müssen, als er mir die letzte Geldsumme gegeben, ihn nicht wieder um Unterstützung anzugehen, so dachte ich an meine Verwandten in Rußland.
Traurig war es mir, meiner Frau jetzt erzählen zu müssen, daß ich schon lange Sorgen für die Zukunft in mir trug. Sie hatte stillschweigend angenommen, daß meines Vaters Unterstützung nicht ausbleiben würde, und begriff, als das nicht der Fall war, daß ich nach Petersburg reisen müsse, um von dortigen Verwandten vielleicht eine dauernde Unterstützung zu erhalten. Ich reiste dann nach Rußland, nachdem das amerikanische Ehepaar meine junge Frau aufgefordert hatte, während meiner Reisetage in ihrem Atelier Aufenthalt zu nehmen, wo ich sie also in gutem Schutz wußte.
Diese Reise, bei der ich nur fünf Tage von Paris abwesend war, war eine der eigentümlichsten, die ich je erlebt habe. Es war mir ganz bunt und seltsam zumute, aus Frankreich zu kommen, über den Rhein, nach Deutschland, mich verheiratet zu wissen und doch meine Frau, welche Schwedin war, bei Amerikanern im Französisch sprechenden Lande zurückgelassen zu haben.