In Berlin, am Bahnhof Friedrichstraße, als ich dort kurzen Aufenthalt hatte, umarmten mich von allen Seiten aufs stürmischste deutsche Erinnerungen. Meinem Ohr, das so lange Schwedisch, Französisch und Englisch gehört hatte, war die geliebte deutsche Muttersprache wie Musik. Jedes Wort am Bahnhof der deutschen Hauptstadt schmeckte mir wie Honig und Milch, schmeckte nach Süße und Einfachheit.
Mein Gehirn war nicht bloß von Sorgen, sondern auch von der Fremde übermüdet. Das fühlte ich jetzt erst, wo die Heimatlaute ohne Gehirnanstrengung in mein heißes, von der Fremde gerädertes Herz wie Tau fielen.
Du hast ein Land, sagte mein Blut. Du hattest vergessen, daß du ein Volk besitzt, Heimatgebräuche, Heimattraulichkeit, Heimateinfachheit voll Selbstverständlichkeit, ein Volk, dem du angeboren, angewachsen bist, das du nicht abschütteln kannst, das du bis in den Tod als deinen Besitz fühlen sollst. So wie dein Körper dir gehört, gehört nur das deutschsprechende Volk, nur das deutsche Wesen dir. Nur auf deutschem Boden gehen deine Füße sicher. Nur in deutscher Luft atmet deine Brust frei auf. Nur bei deutscher Landschaft wirst du echt dichten können.
Aber so klar, wie ich dieses heute schreibe, wurden mir damals die auf mich einstürmenden Gefühle nicht bewußt. Ich hegte noch den Wahn, soweit Eisenbahnen, europäische Sitte und europäische Gedanken reichen, müßte auch ich mich als Künstler überall zu Hause fühlen können, überall dichten können. Denn die früheren Jahre der Familienenge lagen noch in meiner Erinnerung wie ein Zellengefängnis, in das ich noch nicht wieder hätte zurückkehren können. Die weite Welt schien für mich noch das Notwendigere zu sein und das Nützlichere für meine Weiterentwicklung.
Aber ich war doch erstaunt, daß ich solche Süßigkeit in meinem Blut empfand, als ich auf dieser Reise von der französischen Sprachgrenze fort nach Deutschland gekommen war. Und es tat mir weh, daß ich allein war und meiner Frau nicht Deutschland und Berlin und deutsches Wesen zeigen konnte.
Doch der schöne Heimatrausch war kurz. Der Zug flog noch in der Nacht von Berlin nach Königsberg. Und am nächsten Mittag, als in Eydtkuhnen an der Grenze struppige russische Packträger, mit roten Hemdblusen, weiten Pluderhosen und schweren Stulpstiefeln angetan, meine Koffer durchs Zollamt trugen und ich den großen kupfernen Samowar in der Bahnhofwirtschaft dampfen sah und ich auch der mir bereits aus einer früheren Reise und aus Familienerinnerungen bekannten russischen Art wieder begegnete, konnte ich nur schwer aus der alten Heimathaut in die russische neue Haut schlüpfen und mich anderen Gebräuchen anpassen.
Doch sagte ich mir dabei, alle die wechselnden Bedrängnisse wollte ich gern ertragen, wenn ich dann danach, mit Zukunftsunterhalt versorgt, von Petersburg nach Paris beruhigt zu meiner Frau zurückkehren könnte. Und ich hielt mich nur an diesen Gedanken.
Mein Schrecken war aber groß, als ich in Petersburg hören mußte, daß die Schwester meiner Mutter, die ich besuchen wollte, in einem der letzten Monate gestorben war. Auf ihre Hilfe hatte ich gehofft, denn die anderen Verwandten standen mir nicht so nah und hatten für sich selbst zu sorgen.
Ich hatte die weite Reise unternommen, weil ich wußte, daß langes Briefschreiben meine Lage nicht so gut würde auseinandersetzen können. Und nun war diese Reise umsonst! Man hatte mich vom Tod meiner Tante nicht benachrichtigen können, da man meine Adresse nicht gewußt. Ich erfuhr nun den Tod der mir lieben Verwandten erst bei meiner Ankunft in Petersburg. Damit war aber auch alle Hoffnung auf Hilfe tot.