Ich blieb kaum zwei Tage in Rußland. Dann fuhr ich wieder von einem Ende Europas nach dem anderen Ende, nach Paris zurück.
Sehr niedergeschlagen reiste ich nochmals durch Deutschland, als wäre es ein fremdes Land. Eilig flog ich durch deutsche Meilen und durfte nirgends aussteigen. Und es war mir seltsam, sowohl in Königsberg, als auch in Berlin und Köln, überall auf jedem Bahnsteig, wieder denselben Gesichtern der Schaffner, der Zeitungsverkäufer, der Kellner zu begegnen. Dieselben Menschen standen da, überall, wo ich zwei Tage vorher vorübergekommen war, in ganz Europa noch wie am selben Fleck. Aber ich war nicht mehr derselbe. Ich hatte die fremde russische Welt in mir, den Schrecken der Todesnachricht, die Qualen der Enttäuschung, die Angst vor der Zukunft und fremde Petersburger Bilder. Ich war drei Tage durch drei große Völkerheimaten gereist, zuerst hoffnungsfröhlich, und kam nun verzweifelt denselben Weg zurück. Der Weg war derselbe. Auch ich als Wanderer war äußerlich derselbe. Aber mein Herz hatte auf diesem riesigen europäischen Weg noch mächtigere Wege durch viele innere Welten zurückgelegt und war nicht bei mir.
Ich hatte zuerst die Heimatsehnsucht erfahren, das Heimatentzücken. Ich hatte dann ferne Verwandte wiedergesehen, Vergangenheiten besucht, war Toten begegnet. Ich hatte in neuen Familien Neugeborene gefunden, die eben erst ihr Leben anfingen, die harmlos und hoffnungsvoll anzusehen waren, wie ich es auf der Hinreise gewesen. Ich hatte auch gealterte, enttäuschte Gesichter gesehen, sowie ich selbst jetzt gealtert und enttäuscht geworden.
Als ich in Paris wieder auf dem Bahnhof ankam, waren für die große Stadt auch nur ein paar Tage vergangen. Hier hatte sich nichts am Stadtbild geändert. Dieselben Zollbeamten, dieselben Gesichter überall, dieselben Gewohnheiten und derselbe Lärm auf den Straßen.
Doch ich kam von neuen Gesichtern umgeben in diese Stadt zurück, mit Gesichtern von ganz Europa, die aus mir heraussahen, die aus mir sprachen, und die doch niemand an mir bemerken konnte. Ich schien mir dabei, als ich ein paar Stunden später am Abend mit meiner Frau und den Amerikanern über die Straße ging, gar nicht von dieser äußeren Welt hier fortgewesen zu sein.
Ich war auch nur äußerlich in Paris angekommen. Innerlich war ich noch lange nicht da. Und ich wußte auch, daß ich innerlich nie wieder ganz ankommen würde. Erfahrungen und innere Erlebnisse verwandeln einen Menschen rasch und gründlich. Und man verwandelt sich nie wieder zurück. Bei manchen Erlebnissen reist das Blut schneller als Sonne und Erde, und das Herz eilt beiden im Altwerden voraus.
Oftmals habe ich später dasselbe wieder erlebt, aber nie so auffallend wie bei dieser Blitzfahrt, bei der ich binnen einer knappen Woche zweimal Europa durchquerte. Trotz aller persönlichen Enttäuschung bewunderte ich aber die Kraft unserer heutigen Zeit, die es einem einfachen Menschen ermöglicht, solche Reisestrecken in Kürze zurückzulegen.
Wenn man bedenkt, welche Zeitdauer früher ein Reisewagen zu Goethes oder Luthers Zeit nahm, so war diese meine Europafahrt, äußerlich angesehen, nur ein Reisespiel. Innerlich waren aber die Entfernungen mit solcher Schnelle fast unmöglich zu bewältigen. Ich war noch wochenlang nach dieser Blitzfahrt wie betäubt und fürchtete noch nachträglich an einem Gehirnfieber von den Folgen der äußeren und inneren Erschütterungen zu erkranken. —
Jetzt kamen bittere Tage. Ich erinnere, daß wir uns einmal nur aus etwas Stärkemehl, mit heißem Wasser aufgebrüht, und mit dem Zusatz von ein paar Krumen Kakao, die wir als Rest in einer Kakaobüchse fanden, zum Mittagessen einen braunen Brei in einem kleinen Töpfchen über einer Spiritusflamme anrührten. Wir versuchten dabei zu lachen und zu singen, trotzdem unser Blut ganz dünn vor Lebensangst war. Und als die Spiritusflamme ausging, weil der Spiritus nicht mehr gereicht hatte, konnte dieser braune Kleister, der nicht fertig gekocht war, nicht einmal unsere Nahrung werden. Es wurde uns übel, als wir davon versuchen wollten, und wir hungerten lächelnd weiter, immer hoffend, daß die Türe aufgehen müsse. Wenn wir auch nicht einen lieben Gott erhoffen konnten, der uns persönlich Hilfe brächte, und wenn auch kein Abgesandter des deutschen Volkes zu erwarten war, so glaubten wir doch, es müsse irgend ein lieber Mensch hereinkommen, und hofften dieses gern.