Wir wollten uns nun eine kleine Reisesumme verschaffen, dann Land in Pacht nehmen und fleißig sein. Sowohl wir zwei Männer als die beiden Frauen dachten mit Garten-, Haus- und Künstlerarbeit in einer schönen Landschaft, wo Wald, Wasser und gutes Klima wären, unsere Lebenstage ruhig verbringen zu können, fern von überreizter Kultur, fern von der die Kunstarbeit so störenden Geschäftsgier unserer Zeit.

Der Amerikaner hatte in Neuyork zwei kleine Häuser, von deren Rente er bisher knapp leben konnte, so daß er wenigstens nicht mit der äußersten Not zu kämpfen hatte. Er wollte nun versuchen, diese Häuser verkaufen zu lassen. Sein Großvater, mütterlicherseits, hatte die Tiffany Glasfabrik in Neuyork gegründet und war ein reicher Mann, und von ihm erwartete James später ein größeres Erbe.

Ich selbst war hauptsächlich dieser Landankaufspläne wegen, um zu ihrer Ausführung eine größere Geldsumme von meinen russischen Verwandten zu erhalten, nach Petersburg gereist. Wir hatten dann nach dem Fehlschlagen dieser Reise von neuem wochenlang darüber nachgedacht, wie wir die Anlagesumme für einen dauernden Landaufenthalt erlangen sollten, als wir plötzlich die Nachricht vom Tode meines Vaters erhielten.

So sehr mich die Todesnachricht erschütterte, so war doch ein Aufatmen in mir, das ich damals aber nicht gleich bewußt fühlen wollte. Denn ich fand es häßlich und gemein, daß der Tod meines, mir so lieben alten Vaters mich in meiner bedrängten Lage aufatmen machen sollte.

Heute nach so langer Zeit weiß ich es aber, wenn ich auch als Sohn vom Verlust tief getroffen wurde, als Künstler fühlte ich, daß das Schicksal auf irgendeine Weise mir zu meinem weiteren Weg hatte verhelfen müssen. Aber es schaudert mich doch heute noch, daß mein Schicksal mir, der ich so sehr an meinem Vater gehangen hatte, nur durch seinen Tod helfen konnte.

Ich frage das deutsche Volk, dem ich angehöre, in dessen Land ich geboren bin, und in dessen Sprache ich meine Bücher schreibe: ist es nicht erschütternd, daß ein Künstler nicht auf gütigem Wege, nicht auf staatlichem und auf dem Gemeindewege, die Erleichterung seines Lebensunterhaltes erhalten kann. In einer Nation, wo so viele tausend Beamte das Brot des Staates essen und auf Kosten der Nation leben können, weil sie ihre Arbeit im Dienste der Nation tun, sollen auch die Künstler leben können.

Die Künstler, die ihrer Nation dienen, werden nur manches Mal mit Ehren und Geschenken belohnt, wenn sie alt geworden sind. Aber wie viele junge Künstler, die in den nächsten hundert Jahren unter den Ehrennamen des deutschen Volkes genannt werden können, wie viele werden, im Augenblick während ich dieses niederschreibe, in ähnlicher Weise wie ich es vor fünfzehn Jahren erlebte, aufatmen müssen, wenn der Vater oder die Mutter stirbt. Und sie müssen es als schändlich fühlen, daß sie erst durch den Tod der liebsten Angehörigen, erst durch eine Erbschaft, in die Lage versetzt werden, weiter leben zu können.

Im wilden Hohn, der mich damals über solche Tragik befiel, nannte ich das Erben Menschenfresserei. Denn als ich mein Erbe erhielt, war es mir grauenhaft zu denken, daß ich mich von der Kraft meines toten Vaters nähren mußte, und daß der Dichterberuf mich unter den jetzigen Gesellschaftsgesetzen nicht ernähren konnte. Der Vaterlandsgeist läßt doch seine Kriegsoffiziere nicht hungern, wie darf er die Friedensoffiziere, die Künstler, vernachlässigen und übersehen. Dienen sie ihm nicht erst recht, indem sie dem Geist und der Schönheit dienen, das heißt dem innersten Leben, dem innersten Vaterland, dem Herzen der Nation dienen?

Solange diese Einsicht einem Volk fehlt, ist eine Nation noch unentwickelt und soll sich nichts auf ihre Kulturhöhe einbilden.