In den Tagen, während ich dieses schreibe, werden die hundertjährigen Geburtsfeste zweier deutscher toter Dichter gefeiert. Der eine ist Otto Ludwig, der andere Friedrich Hebbel, und beide lebten in bitterster Not und Verzweiflung.
Wen feierten wir Deutsche, als jene Dichter hungerten? —
Als ich mit meiner Frau zum erstenmal nach Deutschland, nach Würzburg kam, im September 1896, fragte ich mich, ob ich nicht jetzt für immer in der Heimat bleiben sollte. Aber wenn auch mein Erbe zum Lebensunterhalt für eine Person ausgereicht hätte, für zwei reichten die Zinsen nicht.
Und außerdem, so lieb ich meine Vaterstadt auch immer gehabt hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, jetzt schon in meinen jungen Jahren mich in der Provinz niederzulassen, in einer Stadt, wo kein neuzeitliches Kunstleben gepflegt wurde.
Mit Ausnahme von der Musik, die es in Würzburg gut hatte, wurden damals Malerei und Dichtung ernstester Art in den gebildeten Kreisen ziemlich nebensächlich behandelt. Vom neuzeitlichen Geist Ibsens, Gerhart Hauptmanns, Björnsons, Strindbergs war in jenen Jahren in meiner Vaterstadt so gut wie nichts zu spüren. Es gab dort keine jungen Schriftsteller, keine strebenden Literaturkreise, keine sezessionistischen Maler wie in München und Berlin.
Die deutschen Provinzstädte lebten hauptsächlich von Viktor v. Scheffels altdeutscher Romantik. Sie glaubten schon Äußerstes zu tun, wenn sie im Theater ein Sudermannsches Stück aufführten. Auch muß man bedenken, daß Zeitschriften wie die „Jugend“ und der „Simplizissimus“ im Jahre 1896, von dem ich hier spreche, eben erst gegründet wurden. Ihr Geist, der die breiteren Volksmassen in künstlerischer Hinsicht, später auch in der Provinz, auf neuzeitliche Literatur, Zeichner und Maler aufmerksam machte und ihnen etwas neuzeitliches Stilgefühl beibrachte, war noch nicht tätig.
Die Provinzstädte Deutschlands, auch die, welche Universitätsstädte waren, lebten damals von den Klassikern, und ihre Kenntnisnahme von moderner Literatur hörte bei Paul Heyse auf. Es herrschte noch kein geistigkünstlerischer Gegenwartspulsschlag im Leben der kleinen Universitätsstädte.
Es hatten sich auch noch keine literarischen Gesellschaften in den akademischen Kreisen gebildet. Und deshalb mußten die jungen Künstler sich in den großen Städten in Paris, München, Berlin zusammenhalten, um im neuen Geist zusammen zu stehen gegen die bürgerlichen Vorurteile, die neben dem sogenannten Klassikergeist keine neuzeitlichen Lebensschönheiten aufkommen lassen wollten.