Die jüngsten Künstler jener Zeit waren verraten von ihrer eigenen Nation. In den Schulen und in den meisten Zeitungen, in allen Bürgerkreisen, selbst beim Adel, der sonst immer zu den Künstlern gehalten hatte, war man aufgebracht gegen den Wirklichkeitssinn, der sich in der Kunst der neunziger Jahre ausdrückte, der die Stirn hatte, auch das Häßliche lebensbedeutend zu finden, der auch den Armenstand, den Arbeiterstand künstlerisch verehrungswürdig fand und ihn mit Liebe in Bild und Wort schilderte.

Der zuerst unter den Künstlern lautgewordene, alles umarmende neue Weltgeist, der die Arbeit und den Arbeiter nicht mehr verächtlich, nicht mehr ekelerregend, nicht mehr abstoßend finden konnte, verblüffte alle sogenannten gebildeten Kreise jener Tage. Sie spotteten, lachten, schimpften auf die jungen, von neuer Weltinbrunst aufgeklärten Künstlerherzen, die stürmisch und mit Recht forderten, daß auch der verachtete Lebensstand, der der Arbeiter und der Armen, der Kunstwürdigung teilhaftig werden sollte. Die Künstler behaupteten, daß eine Schönheit in der Arbeit liege, eine ernste Schönheit in jedem Arbeiter, und daß Schönheit auch bei den Kranken, Armen und Elenden zu finden sei.

Die Jungen wollten das Volk auf diese inneren Schönheiten des Lebens aufmerksam machen. Man wollte ernstlich zeigen, daß hinter äußerer Häßlichkeit sich tiefe Ergriffenheiten verbergen, die künstlerische Erschütterungen hervorrufen können.

Die jungen Künstler wollten das Innenleben der Nation bereichern. Aber die Bürgerkreise, die im Geldverdienen und im Tagesgetriebe der Annahme dieser neuen Kunstideale noch nicht gewachsen waren, wollten sich nicht von ihren alten Schönheitsgrundsätzen, die sie für unerschütterlich hielten, trennen, wollten sich nicht innerlich vertiefen und sich nicht von schmerzlichen Schönheiten der Welt bereichern lassen.

Und doch hatten dieselben Bürgerkreise ihr Leben lang immer ein schmerzliches Ideal, Christus, den Gekreuzigten, vor Augen gehabt. Aber vielleicht gerade deswegen, weil ihnen von Kindheit an gepredigt wurde, daß das Leben ein Jammertal sei, wollten jene Kreise bei den Künstlern eine Erlösung aus dem Jammertal finden.

Und als die Künstler auf die Leiden der Armen und der Arbeiter und auf die Schönheit der Arbeitskraft selbst, wie Uhde, Meunier, Zola und Gerhart Hauptmann es taten, aufmerksam machen wollten, da rief der ganze Bürgerstand entrüstet: „Wir haben keine Kunst und keine Künstler mehr! Die Jungen sind verrückt geworden. Sie wollen uns weismachen, daß Häßlichkeit schön sei. Wir aber wollen uns an der Schönheit erholen. Wir sehen genug Elend im Leben, wir wollen Erlösung vom Elend bei den Künstlern finden.“

Und jene Entrüsteten bedachten nicht, daß die Schönheit und die Festlichkeit des Lebens überall im Weltall zu Hause ist, in den Leiden und in den Freuden, im Schönen und im Häßlichen, beim König und beim Arbeiter und beim Bettler.

Jene Leute jener Jahre lebten das Leben nicht in dem Sinne, wie es gelebt sein soll, mit großem Weltgeistumarmen. Sie hatten sich nur ein Mitleid angezüchtet, womit sie allen Elenden künstlich begegneten. Und dieses Mitleid war ihnen nur Pflicht geworden. Ihr Mitleid war ihnen nicht Natur und Natürlichkeit und nicht Weltallfestlichkeit.

Die Bürger jener Tage ließen nur das halbe Leben gelten. Nur der lichten Seite konnten sie Festlichkeit abgewinnen. Sie sehnten sich nur, vom Leben auszuruhen, wenn sie Kunst genossen. Aber der Ernstseite des Lebens, der Arbeit im Leben, der Arbeitsheiligkeit und der Arbeitsfestlichkeit konnten die Massen der Gebildeten damals keinen künstlerischen Reiz abgewinnen.