Auch die Künstler wollte man damals zwingen, die Schönheit des Nichtstuns in den Kunstwerken zu feiern. Das heißt, man verlangte, daß sie eine ganz platte unmögliche Schönheitsharmonie in Farben und Linien ausklügeln sollten und Ideallandschaften, Idealporträts schaffen sollten, künstliche, unnatürlich ausgedachte Bilder voll verlogener Schönheiten, die ähnlich den wehleidigen Seelenschwärmereien waren, in denen sich in Versen die Dichter einer süßlich romantischen Zeit ergingen.
Bei diesen Kunstwerken künstlichster und ganz unkünstlerischer Natur wollten dann die vom Nichtstun schwärmenden Bürgerherzen vom Alltag, wie sie sagten, bei der Kunst ausruhen.
Daß es aber für den gesunden Menschen keinen Alltag gibt, daß der vernünftige Mensch von der Festlichkeit der Arbeit spricht wie von der Festlichkeit des Genießens, dieses war erst nur den Künstlern jener neunziger Jahre bewußt geworden. Die Bürger litten noch unter dem eingeredeten Fluch der Arbeit.
Es war damals nicht daran zu denken, daß Künstler und Volk, die sich in ihren Forderungen nicht verstanden, sich gegenseitig achten könnten. Der Bürger verachtete den Künstler als nicht ernst zu nehmend, weil der Künstler nicht vom Fluch der Arbeit jammerte, weil er die Arbeit verehrte und seine eigene Arbeit festlich nahm.
Der Künstler wieder verachtete den Bürger, weil dieser von den Kunstwerken nur künstliche, ausgedachte Schönheit ersehnte und nicht die tiefe aufrichtige Weltfestlichkeit nachfühlen wollte, die auch auf der Ernstseite des Lebens, auch bei den Elenden, bei den Armen, bei den Häßlichen und bei den in Ruß und Qualm Arbeitenden, das Menschenherz bereichert und künstlerisch erschüttert.
Innere Schönheit der Lebensernstseite wiedergeben zu können, das war die Errungenschaft der Künstler der neunziger Jahre, die sich verächtlich von althergebrachter Schönheit fort der Wiedergabe neuer Schönheitsoffenbarungen zugewendet hatten.
Ich konnte also nicht daran denken, mich in meiner Vaterstadt niederzulassen, weil ich noch bei meiner Jugend des künstlerischen Verkehrs und der Anregung bedurfte und eines Gedankenaustausches, den ich dort nicht gefunden hätte. Und da sich weder die Stadt- und Gemeindeverwaltung, noch der Staat damals um junge Dichter und Künstler kümmerten, konnte ich auch nicht in Deutschland und nicht in der Heimat auf Unterstützung rechnen und mußte weiter den Plänen nachhängen, einen Landaufenthalt zu suchen in einem günstigen, möglichst warmen Klima, wo die Gartenarbeit für mich nicht zu hart sein würde, und wo ich von meinem Erbe Erde kaufen wollte.
Ich reiste deshalb vierzehn Tage nach dem Tode meines Vaters mit meiner Frau nach Sizilien. Wir wohnten einige Wochen in dem berühmten schönen Felsenstädtchen Taormina, das der ganzen Welt durch das besterhaltenste griechische Theater bekannt ist.
Dort unter freiem Himmel in der Theaterruine saß ich grübelnd und sah auf die Rauchsäulen des nahen Ätna, aber ich fühlte mich nicht zufrieden. Der alte Kulturboden Siziliens, auf welchem einem überall die Spuren griechischer und normannischer Menschengeschlechter begegneten, gab der Gegend rundum etwas Greisenhaftes, trotz aller südlicher Kraft. Alle Wege schienen dort ausgefahren zu sein. Aus den Gesichtszügen des Menschenschlages, dem ich da begegnete, sprachen einem verwischte afrikanische, europäische, arabische Rassen an.