Ich sehnte mich nach Paris zurück.

Auch manche schöne Hauskatze ägyptischer Rasse, die auf den Türschwellen und in den Gäßchen des Felsennestes Taormina im Sonnenschein still und klug saß und mich vorübergehen ließ, ohne sich zu rühren, ohne sich zu ducken, erinnerte mich an das pariser Leben. Diese Haustiere kauerten wie eingewachsen an den sizilianischen Türschwellen, als wollten sie sagen: hier hat kein Fremder das Recht, sich niederzulassen. Hier wirst du immer ein Fremder bleiben, und nur als Gast darfst du kommen und gehen.

Es schien mir auch ganz unmöglich, daß ich hier auf dem sizilianischen Kulturboden, der seit Jahrtausenden unter vielen Menschengeschlechtern aufgeteilt war, einen Fleck für mich finden könnte, und daß ich als Fremder die Sitte des eingeborenen Bauers nachahmen könnte. Hier war kein künstlerischer Unternehmungsgeist mehr in der Luft. Nur wenn man hätte Fabriken gründen wollen und Großindustrie, wäre es vielleicht möglich gewesen, fortzukommen in diesem Lande. Aber auch das wäre sicher sehr schwer gewesen.

Als zu Ende Oktober an jedem Morgen die Meernebel weiß vor den Gasthausfenstern standen und mich an den grauen Norden erinnerten, verstärkte sich in mir das starke Heimweh nach dem nördlicheren Europa und ebenso geschah das durch ein lebendes Bild, das ich immer vor Augen hatte.

Wir wohnten in Taormina in einem sehr hübschen kleinen Gasthof an der Hauptstraße, der viel von Künstlern besucht wurde, und dessen Speisesaal bemalt war mit den Einfällen durchreisender junger Maler. Von diesem Saal aus, dessen zwei Fenster auf die Straße sahen, bemerkten meine Frau und ich täglich gegenüber auf dem Altan des ersten Stockwerks eines einfachen Hauses eine neunzigjährige graue Alte. Die saß dort, solange tags die Sonne schien, und hielt eine Kunkel in der Hand und drehte vom Flachs zwischen ihren gekrümmten Fingern immer fleißig den Faden.

Sie saß da schlicht und sah kaum von ihrer Arbeit auf. Um sie her auf dem Geländer der Altane trockneten Weintrauben. Täglich war die Sonne am Himmel über den Häusern der Gasse, und täglich saß unter der Sonne am Altan uns gegenüber die arbeitende Alte, die nie von der Arbeit aufsah. Wie die Altane fest an der Hauswand klebte, so lebte die alte graue Frau in diesem Hause und an ihre Arbeit angeklebt.

Jene Arbeiterin schickte mich durch ihr ununterbrochenes, schlichtes und bescheidenes ernstes Tun schweigend aus Sizilien fort. Ich sehnte mich bei ihrem Anblick zurück nach dem stillen Atelier in Paris, dahinter der unsichtbare Garten rauschte, und wo ich im Sommer fleißig wie die Neunzigjährige gearbeitet hatte, und ich sehnte mich auch nach dem künstlerischen und fleißigen Paris, dessen große Emsigkeit mir immer eine innerliche Freude gewesen.

Mir fehlte hier in der Meer- und Felsenlandschaft das Gesumm des großen Menschenbienenstockes der Weltstadt von dem Augenblick an, da ich erkannt hatte, daß ich hier nie in dem überlieferungsreichen Land den Eingeborenen ähnlich werden könnte, und nie unter ihnen würde als Fischer oder Landmann leben können. Nach dieser Erkenntnis trieb es mich von Sizilien fort, vorläufig nach Paris zurück, wo ich vorher so gut gearbeitet hatte.

So fuhren wir bald nach Neapel und nahmen ein Schiff nach Marseille und waren zu Anfang November wieder in Paris.

Der Amerikaner und die Amerikanerin waren erstaunt, daß wir schon zurückkamen, denn sie hatten nach Sizilien nachkommen wollen. Aber ich erklärte ihnen traurig, daß wir den Plan, uns irgendwo in einem Lande mit Landarbeit beschäftigen zu wollen, aufgeben müßten. Denn ich hätte eingesehen, daß man nirgends der Bauer eines Landes werden könnte, nur vielleicht in dem Lande, in dem man geboren war.