Es war nichts Romanisches in ihrem Wesen und an ihrem Aussehen, und an ihrer Seite blieb das große Paris für mich immer wie ein großes Gasthaus, in dem ich nur auf der Durchreise lebte. Denn germanische Art verbindet sich in nichts mit der romanischen Art des französischen Volkes. Auch das war gut für mich zu erfahren. So konnte ich nie ernstlich daran denken, nur zu versuchen, in Paris festen Fuß zu fassen und vom ausländischen Wesen beeinflußt zu werden.

Aber meine Jugend spielte mir doch noch manchen Streich. Wäre damals das Vaterland dem heranwachsenden Künstler ein wenig entgegenkommend gewesen, so hätte ich nicht in Jugendunerfahrenheit und Lebensangst noch große, umständliche, überseeische Umwege machen müssen, bis ich endlich in der Heimat seßhaft wurde. —


In jenem Winter 1896/97, als ich mit meiner Frau am Boulevard Montparnasse wohnte, hatten wir mehrere Zimmer in einem Gasthof gemietet. Dabei war ein größerer Salon mit Klavier. Meine Frau studierte bei einem der besten pariser Musikprofessoren ein wenig Harmonielehre, da sie gern aus alten Musikwerken Melodien alter Völker, die sie sich abschrieb, sammelte und mir vorspielte, nachdem sie dieselben für Klavier umgesetzt hatte.

In unserem Salon sahen wir in jenem Winter des Abends viele Menschen bei uns, meistens ausländische Maler und Schriftsteller, Skandinavier, Polen, Russen und Russinnen, außer den beiden Amerikanern.

Wir hatten aber sonst unsere einfachen Lebensgewohnheiten nicht aufgegeben und aßen in der „Crémerie“ der Madame Charlotte in der Rue de la Grande Chaumiere, die unserem Hotel gegenüberlag. Dieses war damals die echteste Künstlerwirtschaft des Stadtviertels Montparnasse.

Dort waren auch Strindberg und Munch jeden Tag. Im Strindbergschen Drama „Rausch“ spielen ein paar Akte in jener urechten französischen Künstlergarküche, über deren Eingang geschrieben stand: „Rotschild ist der Eintritt verboten. Wer nicht Schulden machen kann, bleibe draußen“, und ähnliches.

Die Wände des kleinen Raumes hatten keine Tapeten nötig. Sie waren dicht behangen mit Hunderten von eingerahmten Ölbildern. Da fand sich aber selten eine Anfängerskizze darunter, denn die eigenartigsten Künstler, die besten von Paris, hatten hier gegessen und Schulden gemacht und in jungen Jahren die Madame Charlotte mit einem guten Ölbild bezahlt. Da waren selbst Bilder von van Gogh und Gauguin zu sehen.

Zur Frühstücksstunde zwischen elf und zwei Uhr war dort bei Madame Charlotte kaum ein Platz zu bekommen. Auf dem steinernen roten Backsteinboden standen an zwei Wänden zwei einfache lange ungedeckte Holztische, an denen ungefähr fünfundzwanzig Menschen Platz hatten. Im Hintergrunde des Raumes war neben dem flaschenreichen Kredenztisch die dunkle Küche. Durch die immer offene Küchentüre sah man die vom Herdfeuer beleuchtete starke Lothringerin „Madame Charlotte“, die selbst kochte und die ihren Sohn, einen späteren Kunsthändler, und die Magd mit den Tellern zu den Gästen schickte.

Beim Eintritt in die „Crémerie“ war jeder darüber erstaunt, welch buntgewürfelte Gesellschaft man dort antraf. Außer den Malern, die da in Joppen schlicht von der Atelierarbeit kamen und schnell ihr Essen schluckten und vorerst wenig Lust zum Sprechen hatten, waren da auch viele Malerinnen, Damen der besten Gesellschaftskreise.