Ich kannte dort zwei russische Fürstinnen aus Moskau, die ihre Freundinnen mitbrachten. Einige hatten ihre Wohnung im Champs-Elysée, und sie kamen öfters mittags aus dem vornehmsten Stadtviertel angefahren, den neuesten Pariser Frühlingshut auf dem Kopf. Manche jener vornehmen Ausländerinnen kam gegen den Willen ihrer Verwandten, wie man mir sagte. Sie aßen einen Teller der wässerigen Suppe und tranken ein Glas des sauersüßen Weines und wagten sich auch an eines der rätselhaften Fleischgerichte, die Madame Charlotte auftischte. Von denen man nie genau wußte, ob sie frisch oder alt, vom Pferdeschlächter, Hundeschlächter oder Katzenschlächter kamen.

Ein paarmal wurden wir krank nach diesem Essen. Aber wir gingen doch immer wieder zu Madame Charlotte, weil die anderen spiegelglänzenden Wirtschaften der Boulevards weder dem Geldbeutel noch dem Geist zusagten.

Der Zigarettenrauch, der gegen zwei Uhr in dem kleinen kellerartigen Raum schwebte, hing über manchem Kopf, der einige Jahre nachher aus diesem unbekannten Winkel hinter den zwei Tischen der Madame Charlotte hervor in die Öffentlichkeit trat und weltbekannt wurde.

Hier bei der kargen Mahlzeit wurden große Träume geträumt, künstlerische Pläne entworfen, und die Augen in manchem sorgengrauen Gesicht kämpften hier schweigend, in den Teller starrend und innerlich schwere Lebensfragen betrachtend.

Da war kein gitarrenklimperndes Künstlertum in diesen vier Wänden zu finden. Auch keine schwüle lüsterne pariser Luft drang hier ein. Es kamen keine der pariser Straßenmädchen zu Madame Charlotte herein. Auch kein Modell wagte dort zu essen, wo die jungen Meister und Meisterinnen aßen.

Nur ausländische Damen der Bürger- und Adelskreise, kluge Amerikanerinnen, lebhafte reizvolle Russinnen, Polinnen, Rumäninnen, Irländerinnen, Schweizerinnen und Österreicherinnen traf man an, von denen manche mutig die Künstlerarmut dem reichen weichen Familienleben vorgezogen hatten, und die nach Paris gekommen waren, um Welt und Kunst zu erleben. Teils malten sie in Museen, teils in eigenen Ateliers, und die jungen Maler begegneten ihnen mit Achtung und Höflichkeit.

Manche Künstlerehe wurde auch in dieser Garküche — die Rotschild nicht betreten durfte — in ihren ersten Anfängen geschlossen. Und wie der Feuerschein aus der dunklen Küche manchmal hellauf bis zur Decke schlug und uns alle wie ein Blitz beleuchtete, so schlug das Blut manchem heiß über dem Gehirn zusammen. Und es entstanden dort Tragödien, die später ihren erschütternden Abschluß an irgendeinem Weltende fanden. —


Als im Frühjahr 1897 meine Erbschaftsangelegenheiten so weit geordnet waren, daß ich mein Vermögen erhalten konnte, befiel mich von neuem der Schrecken vor der Zukunft. Von den Zinsen meines Erbteils konnte ich mit meiner Frau nicht leben, und wenn das Kapital aufgezehrt war, hätte ich wieder der Not entgegensehen müssen. Und dieses wollte ich doch verhindern.