Gedrängt von der unsicheren Zukunft, die mich in Europa erwartete, getrieben von den schlimmen Erfahrungen der Not, die ich erlebt hatte, redete ich mir trotz meiner unstillbaren Sehnsucht nach Deutschland, die mich im geheimen plagte, die Notwendigkeit ein, Europa verlassen zu müssen. Aber ich ertappte mich oft dabei, nachdem ich dem Amerikaner die Mithilfe bei der Gründung seiner Künstlervereinigung zugesagt hatte, daß ich an einer glücklichen Ausführung des Planes stark zweifelte.
Wir machten dann für diese Reise wochenlang Einkäufe in Paris, und die Hundertfrankenscheine flogen aus meinen Händen wie welke Blätter. Es war kein Leichtsinn, der mich zu diesen vielen Einkäufen hinriß. Es war die innerste Sehnsucht vom angeborenen Europa Andenken und künstlerische Werte mitzunehmen hinaus in die riesenhafte Fremde der Tropenwelt, vor der mir eigentlich im stillen bereits graute.
Mit großen Koffern und Kisten, die all mein Hab und Gut enthielten, reisten wir von Paris zu Anfang Mai 1897 ab. Wir nahmen noch einen Aufenthalt von vier Wochen in der Bretagne, wo wir auf Nachricht von den Amerikanern warteten, welche bereits nach Neuyork vorausgeeilt waren, um ihren Hausverkauf zu ordnen, und welche uns von dort telegraphieren sollten, sobald sie nach Mexiko abreisten.
Anfangs Juni erhielten wir das Telegramm und fuhren von der Bretagne nach Southampton, wo wir am nächsten Tag einen Dampfer des Norddeutschen Lloyd bestiegen, der uns nach Neuyork brachte. Dort wechselten wir das Schiff und fuhren mit einem kleineren Dampfer nach Vera-Cruz im Golf von Mexiko.
Ich habe diese Mexikoreise in ihren landschaftlichen Reiseeindrücken in meinem Roman „Raubmenschen“ so eingehend geschildert, daß ich mir die nochmalige Wiedergabe hier ersparen kann, um dem Leser, der den Roman bereits kennt, nicht mit Wiederholungen lästig fallen zu müssen.
Ich will nur in kurzen Zügen meine Gefühle wiedergeben, die mich nach einigen Monaten zur Rückkehr nach Europa antrieben.
Kaum hatte ich im Golf von Mexiko in Vera-Cruz nach einer langen Seereise das tropische Festland unter den Füßen, kaum sah ich die ersten Kokospalmen in einem Baumgang der kleinen Hafenstadt, da wurde mir mit einem Schlage klar: hier werde ich nie ein deutsches Lied schreiben.
Aber du hast doch in England, Dänemark und Schweden gedichtet, meinte der törichte Verstand, der beim Menschen immer das ursprüngliche Gefühl bevormunden will, und der dem Gefühl gegenüber doch immer der beschränktere ist.
Des Verstandes Vorsicht läßt den Menschen nie so tief und innig mit dem Weltallfest verschmelzen, wie es das Gefühl will. Und nur den stärksten Menschen gelingt es, sich gegen den Verstand im Gefühl zu behaupten, und dieses sind dann auch die künstlerischsten Menschen. Das unklare Gefühl greift in seiner Unbewußtheit immer sicherer zu und handelt immer ehrlicher und glücklicher, als der sich brüstende zielbewußte und von seiner Klarheit geblendete Verstand.
Sicher ist, daß das Gefühl bei jedem Künstler die Oberhand behalten muß, und daß der Künstler nur deshalb der schöpferischste unter den Menschen ist, weil er immer das zielbewußte dunkle Gefühl bei seinen Schöpfungen für sich handeln läßt und mit dem Verstand nicht dem Gefühl dreinredet.