Aber, dieses zu tun, kann nur ein Künstler wagen; nur er ist reiner Gefühlsheld. Nur ihm ist ein harmonisches Weltgefühl angeboren, mit dem er, ohne den Verstand zu fragen, festlichere Harmonie erzeugen kann, als sie jemals der größte ausklügelnde Verstand mit aller Berechnung zuwege bringen könnte. Nie sollte deshalb der Verstand nichtkünstlerischer Menschen an Kunstwerken des Künstlers Urteile üben dürfen. Jene Nichtkünstler können mit allem höchsten Verstand nie das harmonische Weltgefühl des Künstlers erfassen, das sein Werk geschaffen hat. Nur wenn jene vertrauend und treu glaubend ihr Gefühl einem Kunstwerk hinhalten, können sie allmählich, mit Selbstbeherrschung und Ausschaltung des unkünstlerischen Verstandes, den Hoheitsgefühlen künstlerischen Schöpfungen nahekommen.

So antwortete damals auch mein Gefühl in Mexiko meinem Verstand: er habe unrecht zu verlangen, daß ich in Mexiko dichten sollte, weil ich in England, Dänemark und Schweden gedichtet hätte.

„Du verstehst aber auch gar nichts,“ so sagte das Gefühl zu ihm. „Begreifst du denn gar nicht, daß Skandinavien und England germanische Länder sind, Deutschland ähnliche Länder. Tannen, Birken und Buchen wachsen dort. Die Landschaft und die Sprache jener Länder spricht germanische Laute, hat schlichte germanische Farben. Wolken, Winde und Erde sind sich ähnlich in jenen nordischen Ländern.

Aber in Mexiko riecht es nach Kaffee, Zucker und nach allerhand Drogen, nach Zimt und Pfeffer; die ganze Landschaft riecht wie ein Kaufmannsladen. Und dann, sieh die Formen der Palmen! Sieh diese kopfgroßen Kokosnüsse! Kannst du dir diese Nüsse vergoldet am Weihnachtsbaume vorstellen?

Ach — und Weihnachten! Die schönen lautlosen Schneenächte! Die langen dunklen Wintermorgen! Die ernste dunkelgrüne Tanne! Und die Tannenzapfen daran! Ich hasse diese schwindelnden Kokospalmen, die da gespreizt zum Himmel ragen, als wären sie Pfauenfächer, aufgespannt über dem Haupt eines Großmoguls.

Glaubst du denn, daß ich ohne Singvögel, ohne Rotkehlchen, ohne Finken und Stare, ohne Lerchen dichten kann! Du verstandloser Verstand, der mich hierher gelockt hat. Hier soll ich dichten! Hier, wo über den Dächern statt blinkende Schwalbenscharen ungeheuere Aasgeier die Gassen umjagen, Aasgeier, die ich nur aus den zoologischen Gärten kenne. Bin ich je in einen zoologischen Garten gegangen, um über Papageien, Jaguare und Alligatoren zu dichten?

Du hast mir immer von warmer Luft und schönen Blumen erzählt, die ich in den Tropen finden würde. Und ich bin dir gedankenlos gefolgt, denn du wolltest nicht darauf hören, wie ich in meinen Herzkammern schluchzend Tag und Nacht in Paris bettelte: geh nicht aus Europa fort! Es gibt ein Unglück, du verlierst nur dein Geld! Es kostet dich dein Vermögen, und du hast nichts davon.

Aber du natürlich, du warst der Verstand, der mich zurückwies, und nanntest mich gefühlsduselig und sagtest, man muß sich im Leben hart machen. Man muß nützlich sein können und muß nicht immer das Gefühl reden lassen. Nur dann kommt der ganze Mensch vorwärts, wenn der Verstand das Gefühl beaufsichtigt. So sagtest Du, Verstand, zu mir.

O, hätte ich nur den Mut gehabt und dir diese Reise verboten, wie ich immer dir gebiete, wenn du mir ins Dichten hineinreden willst. Das weißt du, beim Dichten durftest du mir noch nie hineinreden. Beim Leben ließ ich dich manches Mal mitsprechen. Eigentlich aber traute ich dir auch da niemals recht.

Du, Verstand, mußt es noch lernen, mehr schweigender Teilhaber in meinem Menschenleben zu sein. Sonst zerstörst du uns beide.“ —