Da verstanden sie, daß ich nicht bleiben würde und gingen geärgert von uns. Ich war aber erstaunt, daß sie sich ärgern konnten, wo ich doch als Künstler gefühlsehrlich zu Künstlern zu sprechen glaubte. Sie aber maßen mich mit ihrem Verstand, nannten mich launenhaft und begriffen mich nicht.
Sie hatten mir, ehe sie fortgingen, noch das Versprechen abgenommen, daß ich mich wenigstens erst einige Wochen überzeugen sollte, ob ich dem Lande keine Reize abgewinnen könnte. Ich sagte, das sei ganz unnütz. Aber ich versprach ihnen, mich einige Zeit umzusehen, trotzdem ich wußte, daß es keinen Sinn hatte. Denn ich hatte beim ersten Blick, bei der Landung in Vera-Cruz, begriffen, daß ich meinem Gefühl recht geben mußte, das sich beim Anblick der ersten Kokospalme aufgelehnt hatte, und das mir gesagt hatte, daß ich hier niemals ein deutsches Gedicht schreiben würde.
Ich kaufte mir dann ein Pferd und ritt jeden Tag in die Umgebung der Hauptstadt auf Meilen über die Hochebene hin, wo es nur ausgetrocknete Staubflächen, einige Maisfelder und nur vereinzelte Bäume gab.
Mexiko teilt sich klimatisch in drei Zonen: in das glühende Tropenland am Meer, wo Vera-Cruz liegt, in das Halbtropenland, das auf halber Höhe, auf dem Weg nach der Hauptstadt, sehr fruchtbar einen reichen Landstrich voll Plantagen und Haziendas bildet, und dann, als dritter Teil, in die Hochebene, auf welcher die Hauptstadt Mexiko liegt. Diese Ebene wirkt leer im Vergleich zu den beiden anderen tiefer gelegenen Zonen, sie hat zwar auch ein warmes, aber nicht so glühendes Klima und ist nicht so fruchtbar. Diese Hochebene ist staubig und trostlos öde, und ihr Landschaftsreiz besteht nur im gewaltigen Rundblick auf die Vulkanberge am Horizont.
Ich besuchte bald auch die reichen Gärten und Plantagen der Halbtropen, fand dort viele spanische Klöster umgewandelt in neuzeitliche Zuckerfabriken und durchwanderte die Pflanzungen, die üppigen Bananengärten, die Ananasgärten, die Kaffeegärten, die Zuckerrohrfelder und die Baumwollenfelder.
Aber immer begleitete mich auf allen Wegen, mitten in der Tropenüppigkeit, der Gram, daß es nirgends Wiesen mit heimatlichen Blumen gab, nirgends Wälder, die da rauschten. Denn die Urwälder rührten sich nicht. Wie aus Leder geschnitten hingen die schweren Blättermassen in der Luft, und die Bäume standen in der Treibhausschwüle aufgebläht. Da war kein liebliches Geflüster von Halmen und Gräsern. Kreischende Vögel mit grellen Lauten nannte man mexikanische Nachtigallen. Ihre Pfiffe waren wie Lokomotivenpfiffe gellend, so daß einem bei diesem Gejohl die Ohren schmerzten.
Die weißschaftigen Königspalmen standen zwar prächtig da, wie Säulen aus Marmor und Alabaster. Sie verblüfften mich erst; dann aber wußte ich nichts mit den fremdartigen Eindrücken und mit der Verblüffung in meinem Herzen anzufangen.
Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden ans Fenster trat — nachdem ich im Schlaf in Europa gewesen war —, schnürte sich mein Herz zusammen, sobald ich statt Europäer draußen Indianer in ihren weißen Hemden und ihren weißen Hosen lautlos durch die Straßen eilen sah. Und die Dunkelgesichter und die fremden Bäume und die spanisch-mexikanische Architektur, alles erzählte mir immer wieder: du bist viele Wochen weit durch einen ungeheuren Ozean von deinem Heimaterdteil getrennt.
Ich hatte Ländlichkeit und tropische Lebensfreude gegen das geschäftliche Europa, gegen den Warenhaussinn europäischer Weltstädte eintauschen wollen und hatte nicht dabei an Abenteuerlust, nicht an die Befriedigung wilder Instinkte, wilder roher Goldgier und nicht an Jagd nach fabelhaftem Glück gedacht.
Aber schon auf dem Schiff von Neuyork nach Vera-Cruz war mir das Gesindel, das von der ersten bis zur letzten Klasse das Schiffsdeck füllte, aufgefallen. Da waren nur Glücksjäger, Goldschmuggler, Männer, die sich der harten Arbeitsordnung in Neuyork und den nördlichen Staaten nicht unterwerfen wollten, und die sicher nicht vor falschem Spiel, betrügerischen Geschäften, ja sogar nicht vor Raub und Mord zurückscheuten. Das sah man ihren frechen herausfordernden Gesichtern an, daß sie wie überhitzte Spieler ihren letzten Lebenseinsatz auf Abenteuerreisen gewagt hatten.