Da war keine Ruhe bei ihnen und natürlich auch von künstlerischem Lebenssinn und inniger Lebensbetrachtung kein Gedanke in ihrer Nähe.
Denselben Gesichtern und Gesellen begegnete ich dann zwischen Vera-Cruz und Mexiko auf der zweitägigen Eisenbahnfahrt, auf dem Weg nach der Hochebene und in der Hauptstadt Mexiko überall. Die Gold- und Silberminen Mexikos, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Hunderttausende angezogen hatten, aber jetzt reichlich geplündert waren, lockten immer noch die goldlüsternen ordnungslosen Geister aus dem Norden Amerikas.
Wenn auch viele von jenen Männern das Goldsuchen aufgegeben hatten und Besitzer von kleinen Haziendas geworden waren, so waren die Landesverhältnisse nicht friedlicher geworden. Das sah man der Ausrüstung aller Männer an, daß sie immer noch gegen Mord, hinterlistige Überfälle, heimtückischen Todschlag und gegen Raubgier nicht bloß in entlegenen Winkeln des Landes, sondern auf den offenen Hauptstraßen, sogar mitten in der verkehrsreichen Hauptstadt Mexiko, anzukämpfen hatten.
Ein Revolver genügte ihnen nicht in der Gürteltasche. Auf der Juwelierstraße und Hauptstraße der Stadt Mexiko standen die schwer bewaffneten Gruppen morgens, mittags und abends zusammen, als wäre die Straße ein Räubermarkt. Die Männergürtel waren bepackt mit Revolvern und Waffen aller Art. Die großen breitrandigen Filzhüte, die Sombreros, die die Gesichter halb verdeckten, gaben jedem einzelnen das Aussehen von einem Rinaldo Rinaldini.
In den Trambahnwagen und in den Eisenbahnwagen, abends auf dem Korso und beim Billardspiel in den Kaffeehäusern begegneten einem die mit Revolvern und Waffen bespickten Gestalten überall. Sie waren immer mit Waffen drohend beladen, als kämen sie eben von Raubzügen zurück oder als hätten sie sich zu einem Raubplan verabredet.
Wir, die wir von dem lebhaften, aber doch gesitteten pariser Boulevardleben, nur mit Sonnenschirm und Spazierstock bewaffnet, friedvoll und natursehnsüchtig in jenem Lande angekommen waren, verwunderten uns nicht wenig über die abenteuerliche Haltung der Leute hier und über ihr räuberisches Aussehen.
Mit dem Totschläger in der einen Hand, den Revolver im Gürtel und eine brennende Laterne in der anderen Hand, so standen nachts in Gruppen die Polizisten an den Straßenkreuzungen. Und jeden Donnerstag war unter den Bäumen der „Avenue des Columbus“ Musterung über das Heer der Polizisten.
Eine der aufregendsten Polizeigreueltaten ereignete sich während meines Aufenthaltes.
Ich erlebte es, daß neunzehn Polizisten, bestochen und überredet vom verbrecherischen Polizeioberhaupt selbst, einen Häftling, der im Nationalpalast eingesperrt war, am Nachmittag des Nationaltages in seiner Zelle mit neunzehn Messerstichen niederstießen.
Das Polizeioberhaupt war mit jenem verhafteten Mann verbrecherisch verbunden gewesen. Jener Gefangene hatte dem Polizeipräsidenten früher einmal Gift verschafft, damit dieser einen Abbé aus dem Wege schaffen konnte. Jener Abbé, der auch wirklich von ihm vergiftet wurde, war der Beichtvater einer reichen jungen Mexikanerin gewesen, die der Polizeipräsident hatte heiraten wollen. Aber der Abbé, der auch der Beichtvater des Polizeipräsidenten gewesen, hatte jene Dame vor der Heirat gewarnt. Auf diese Warnung hin hatte sie ihre Verlobung mit dem Polizeipräsidenten gelöst.