Jener Mann, der dem Polizeipräsidenten das Gift zu jenem Mord verschafft hatte, erpreßte danach von ihm unausgesetzt große Schweigesummen. Als der Polizeipräsident nicht weitere Erpressungsgelder zahlen wollte oder konnte, drohte jener, den Mord an dem Abbé dem Präsidenten der Republik mitzuteilen und den Polizeipräsidenten durch diese Enthüllungen zu vernichten.
Am Vormittag des mexikanischen Nationalfestes, im September, als der Präsident der Republik, Porfirio Diaz, an der Tribüne vorfuhr, von welcher er die Truppenschau abhalten sollte, drängte sich jener Mann, der das Polizeioberhaupt beim Präsidenten der Republik anzeigen wollte, durch die Zuschauermasse und hielt, um die Aufmerksamkeit des Präsidenten und seiner Generäle auf sich zu lenken, einen faustgroßen Stein in der gehobenen Hand, als wolle er Porfirio Diaz erschlagen.
Ein General warf sich dem Heranstürmenden entgegen, ebenso taten andere Herren der Umgebung und die Polizisten. Man fesselte den Mann, welcher laut rief, er habe große Enthüllungen über die Polizei zu machen. Man sah den Polizeipräsidenten selbst, der den Mann fortschleppen ließ, rasch mit dem Gefangenen in einen Wagen steigen und nach dem Nationalpalast fahren. Der Polizeipräsident hatte seine Wohnung im Nationalpalast, wo der Häftling eingesperrt wurde.
Nach der Truppenschau kehrte Porfirio Diaz unter dem Jubel der Menschenmassen und von den Leuten von allen Balkonen herab begeistert begrüßt, durch die Hauptstraße, die Calle San Francisco, an der Spitze der Truppen in die Stadt zurück. Die Zeitungen brachten in Extrablättern noch mittags, während des großen Nationalfestessens, die Nachricht von dem glücklich abgewendeten anarchistischen Anschlag eines Verrückten auf den Präsidenten der Republik.
Ich selbst war bei der Truppenschau gewesen und hatte mit eigenen Augen an dem beflaggten Platz der Stadt den Überfall auf den Präsidenten mit angesehen.
Am Abend war großes Feuerwerk vor dem Nationalpalast, wo Musikbanden spielten. Hunderttausende von Indianern, die auf dem Platz vor der Kathedrale Bananen brieten und Maiskuchen buken und dort auf dem Rasen um kleine Kohlenfeuer hockten, sangen während der ganzen Nacht zu ihren Mandolinen alte wehmütige Indianerweisen, Überlieferungen aus der Aztekenzeit.
Ich ging mehrere Stunden auf dem Festplatz umher, saß unter den Bäumen und freute mich an den malerischen Gruppen, an den sanften friedlichen Liedern und an der Schlichtheit und Einfachheit des Eingeborenenvolkes. In weißen Leinwandkleidern, in weißer Hose und weißem Hemd die Männer und in blauen Leinwandröcken und in schwarze Tücher gehüllt die Frauen, so lagerten die Indianerscharen auf dem Rasen und vergnügten sich sanft und harmlos. Sie waren wie Gazellenherden, die in einer Nacht im Mondschein vergessen dürfen, daß sie von Jägern, Hunden, tödlichen Gewehren und eisernen Waffen am Tage umringt, gehetzt und mitleidlos gejagt dahinleben müssen.
Gegen Mitternacht, als ich heimging, hörte ich einige Schüsse fallen. Der Schall kam von der Richtung des Nationalpalastes, welcher ein langes einstöckiges Gebäude im spanischen Jesuitenstil ist. Ich kümmerte mich aber nicht um das Schießen und ging nach meinem spanischen Hotel. Ich sah noch, als ich den Platz verließ und in die Seitenstraße bog, daß Scharen von Polizisten aus allen Straßen nach dem Nationalpalast liefen, und daß auch die Massen der auf dem Rasengarten des Platzes friedlich gelagerten Indianer sich erhoben hatten und sich gegen den Nationalpalast hinbewegten, angezogen, wie es schien, von den Schüssen, deren Echos ich noch in den Ohren trug.