In jenem Lande aber, wo man den ganzen Tag mit Pistolen bewaffneten Männern begegnet, schien es mir nichts Absonderliches zu sein, wenn ein kleiner Streit ausgebrochen war, bei welchem geschossen wurde, oder daß ein kleiner Überfall statthatte. Und da es nicht weise ist, sich unter Streitende zu mischen, vermied ich es, neugierig zu werden, und schlenderte nach Hause.

Am nächsten Morgen hatte ich das kleine Ereignis vergessen und dachte erst daran, als alle Zeitungen berichteten, daß in der Nacht jener Anarchist, der den Präsidenten bei der Truppenschau angefallen hatte, in dem Haftzimmer im Nationalpalast von einer eindringenden Menschenmenge gelyncht worden sei. Neunzehn maskierte Männer wären in das Gebäude eingedrungen, gefolgt von tobenden Menschenmassen, und die neunzehn Maskierten hätten mit neunzehn Messern — die sie in dem Leichnam stecken ließen — den Verhafteten im Haftraum niedergestoßen. Auf einem Zettel, den sie zurückließen, stand das Wort „Lynchjustiz“ geschrieben.

Die Pistolenschüsse aber, die ich gehört hatte, waren um Mitternacht vom Polizeioberhaupt selbst vom Balkon des Nationalpalastes abgegeben worden. Man sagte, als die neunzehn maskierten Mörder in den Palast drangen, hätten sie den Polizeipräsidenten, der noch allein spät in seinem Amtszimmer tätig gewesen, aufgefordert, ihnen den Weg zum Haftzimmer zu zeigen, da sie im Namen des Volkswillens, im Namen der Nation, den Häftling, der am Morgen bei der Truppenschau das Leben ihres geliebten Präsidenten der Republik bedroht habe, lynchen wollten.

Der Polizeipräsident habe auf dieses Ansinnen nicht eingehen wollen. Doch als sich die Mörder nicht hatten abhalten lassen und selbst den Weg zum Haftlokal gesucht und gefunden hatten, sei das Polizeioberhaupt auf den Balkon gesprungen und habe seinen Revolver in die Nachtluft abgefeuert, um die auf dem Platz das Nationalfest feiernde Volksmasse aufmerksam zu machen und sie zur Hilfe herbeizurufen.

Nach einigen Tagen aber stellte sich zum größten Erstaunen der Stadt Mexiko heraus, daß der Polizeipräsident selbst diesen Mord an dem Verhafteten beauftragt hatte. Aber man wußte noch nicht, welcher Grund den obersten Polizeiherrn zu dieser Mordtat gezwungen hatte. Der Beweggrund wurde erst später enthüllt.

Die Leute, die auf des Polizeipräsidenten Pistolenschüsse in den Hof des Nationalpalastes geeilt waren, einige hundert Menschen, hatte er durch die Schüsse herbeilocken wollen, und er hatte hinter ihnen die Palasttore schließen lassen. Das Ganze sollte den Anschein bekommen, als wäre der geheimnisvolle Mord vom Volk erzwungen worden und die Polizei selbst überrascht worden vom Volkswillen.

Aber ein Polizist jener neunzehn Polizisten, die von ihrem Oberhaupt überredet waren, erklärte an einem der nächsten Tage, von Gewissensbissen gepeinigt, den ganzen Vorgang auf dem Geschäftszimmer einer der größten Zeitungen der mexikanischen Hauptstadt.

Er berichtete: am Nachmittag des Nationalfestes habe der Präsident der Polizei neunzehn neue Messer kaufen lassen, habe neunzehn der zuverlässigsten seiner Polizisten zu sich ins Zimmer gerufen und ihnen erklärt, sie wüßten doch von jeher, daß der Präsident der Republik nur ungern ein Todesurteil unterschreibe, und daß sie Diaz einen Gefallen täten, wenn sie ein Todesurteil an dem Attentäter vollstrecken würden. Er, der Präsident der Polizei, wolle das Ganze so anordnen, daß der Mord einem Lynchverfahren, von Volksmännern ausgeführt, ähnlich sehen sollte.

Den Bedenken der neunzehn Polizisten setzte er entgegen, daß sich der Präsident der Republik den neunzehn Beamten erkenntlich erweisen würde, wenn sie Porfirio Diaz das Unterschreiben des Todesurteils über jenen Anarchisten ersparen würden. Da jener Mann doch zum Tode verurteilt werden müsse, fiele keine Mordschuld auf die Beamten. Denn sie würden nur mit dieser Tat dem Gesetz zu seinem Recht verhelfen und zugleich dem Präsidenten der Republik eine Gefälligkeit erweisen.

Nachdem die Zeitungen diese Enthüllungen des einen mitschuldigen Polizisten gebracht hatten, war die ganze Bevölkerung der Hauptstadt Mexiko von Entsetzen erfüllt. Der Polizeipräsident wurde verhaftet, ebenso die neunzehn Polizisten. Allmählich kam auch heraus, warum jener getötete Mann dem Polizeioberhaupt im Wege gewesen war, und daß außer der Vergiftung des Abbé der Polizeipräsident noch viele Schändlichkeiten begangen hatte.