Seine Freunde aber sandten ihm in einem ausgehöhlten Kuchen einen geladenen Revolver ins Gefängnis, und er erschoß sich dort, ehe man ihn richten konnte. Die neunzehn Polizisten wurden alle zum Tode verurteilt. Die Zeitungen brachten die Bilder der neunzehn Verurteilten, und Ansichtspostkarten mit den neunzehn Gesichtern der Mörder wurden während meines Dortseins noch überall auf den Straßen verkauft.

In atemlosester Spannung hatte die ganze Stadt vierzehn Tage lang die Enthüllungen über diesen außergewöhnlichsten Mord verfolgt. Auch ich las die Berichte über diese unerhörten, schauderhaften Polizeizustände, und ich verstehe recht wohl, daß manche, die meinen Roman „Raubmenschen“, darin ich diese Schreckenstat erzähle, gelesen haben, die Wirklichkeit dieses nie dagewesenen Schreckens bezweifeln mochten. Aber diese Ungeheuerlichkeit ist tatsächlich wahr und hat sich während meines Aufenthaltes in Mexiko ereignet und sozusagen vor meinen Augen abgespielt.

Daß Mexiko das Land der mörderischsten Möglichkeiten ist, wurde mir klar. Sobald ich von Juli bis Dezember genügende Eindrücke gesammelt hatte, so daß ich für alle Zeiten wissen konnte, daß ich dort niemals ländlichen Frieden und künstlerische Ruhe finden würde, reiste ich, nachdem ich noch mit meiner Frau eine Rundreise durch den Golf von Mexiko nach Neu-Orleans gemacht hatte, von dort über den Ozean zurück nach Europa, wo wir wieder Anfang Februar in Havre landeten.

Die Rückreise war so stürmisch gewesen, daß unser Schiff überfällig war und in Havre als verloren galt und bereits auf der Verlustliste stand. Von vier Dampfkesseln waren zwei im Sturm unbrauchbar geworden, so daß wir nur mit halber Fahrt vorwärts kommen konnten und statt zwei Wochen sechs Wochen zwischen dem mexikanischen Golf und Frankreich in unendlichen Ozeanstürmen zubrachten.


Einige unserer Freunde in Paris, junge deutsche Maler, erwarteten uns bei unserer Rückkunft am Bahnhof Saint Lazare. Und als sie meiner Frau zum Willkommgruß Blumen reichten und wir wieder durch das vornehme bewegliche Paris fuhren, atmete ich tief auf. Hier war doch wieder Gesittung! Hier war doch nicht mehr offensichtliche Räuberwillkür! Mochten auch noch so viele Verbrecherleidenschaften im Dunkeln dieser Weltstadt hausen, das äußere Stadtgesicht war jedenfalls menschenwürdig.

In dieser Stadt herrschte vor allem das Lächeln der Frauen, das gnädig oder ungnädig die Willen der Männer lenkte, und die Frauenlust stand hier höher als die Goldlust.

Von der göttlich künstlerischen Herrschaft der Liebe in all ihren Sehnsüchten, vom wildesten und lüsternsten Sinnentrieb an bis zum zärtlichsten Sehnen nach dem Gunstblick der geliebten Frau, sprechen Straßen und Menschen in jedem Augenblick in Paris.

Paris trägt den Namen jenes Hirten, der den Apfel als Schönheitspreis der Venus reichte, und der sich dadurch einstmals Juno und Pallas Athene zu Feindinnen gemacht haben soll. Und es ist wohl kein bloßer Zufall, sondern ein dichterischer Einfall des Lebens, daß diese Stadt das schönste Venusbild der griechischen Liebesgöttin zu sich in den Louvre gerettet hat, das Bild der Venus von Milo, zu welcher jährlich Tausende von Europäern gewallfahrtet sind und noch wallfahrten.