Die Reise nach Mexiko hatte mir aber doch nicht bloß Verluste gebracht. Es war eine große innere Erkenntnis über mich gekommen, die, daß der Erdteil Europa, in dem ich geboren war, mich lebenslänglich nicht loslassen wird. Nirgends anders, in keinem anderen Weltteil, durfte ich mir als Künstler Haus und Heim schaffen. Dies war mir ganz klar geworden, und ich hegte nun keine überseeischen Niederlassungsträume mehr.
Aber Überlandträume konnte ich doch nicht aufgeben. Der unkünstlerischen Großstadtgeschäftigkeit und dem neuzeitlichen Maschinenwesen, das über Europa herrschte, glaubte ich nur entgehen zu können, wenn ich mich in einen, an edelsten Überlieferungen reichen Winkel Europas zurückzog und dort vielleicht doch ein Hirtendasein führen konnte.
Es müßte aber ein Land sein, sagte ich mir, wo ich Eichen, Buchen und heimatliche Flora finden konnte. Kein Land der Palmen. Und ich glaubte, daß Griechenland, von wo wir Europäer edelste Dichtung und herrliche Kunstwerke und unsere Menschlichkeitslehre im reinsten künstlerischen Sinn empfangen hatten, das rechte Land für mich wäre, um dort, ungestört vom Weltgetriebe, der Dichtung leben zu können.
In Athen und draußen vor Athen oder an irgendeiner griechischen Meerbucht müßte es möglich sein, einen Weinberggarten zu kaufen, dachte ich mir, und dort wollte ich in einem bescheidenen Haus, unter mildem Himmel, bei europäischen Eichen und Wiesen wohnen.
Ich hatte schon in Schweden in den letzten Jahren mit Vorliebe griechische Dramen gelesen, und ich fand sie viel festlicher und feierlicher als die Gesellschaftsspitzfindigkeiten und die Nervenlust der Ibsenschen Dramen, die damals die Begeisterung der Welt für sich hatten.
Als ich mit meiner Frau nach der Beerdigung meines Vaters im Jahr 1896 vor der Mexikoreise nach Sizilien gereist war, war ich auch durch Karlsruhe gekommen. Richard Dehmel hatte mir brieflich von einem jungen Dichter Mombert erzählt, den ich doch kennen lernen sollte, und der auch in Süddeutschland wohne. Ich sah dann A. Mombert in Karlsruhe einen Nachmittag, und als ich ihm sagte, ich wollte mir auf die Reise nach Sizilien Homers „Ilias“ und „Odyssee“ mitnehmen, da hatte er die Liebenswürdigkeit, mir diese beiden Bücher anzubieten und sie mir beim Abschied auf die Reise mitzugeben.
Auf dem Schiff zwischen Genua und Neapel las ich dann zum erstenmal in der „Ilias“, die ich noch nie gelesen hatte, und die ich nur öfters vorher in großen Prachtausgaben in der Hand gehabt und durchblättert hatte. In den früheren Jahren war mir Homers Sprache viel zu lebensfestlich gewesen, weil ich selbst noch vom Alleinsein bedrückt und ohne Liebe lebte. Jetzt aber hatte ich in mir Herzensfestlichkeit durch eine geliebte Frau gefunden, und Homers „Ilias“ und „Odyssee“ wurden mir so leicht verständlich, wie es nur sonst das deutsche Nibelungenlied uns Deutschen ist.
Die sonnige Schiffbank auf dem kleinen österreichischen Lloyddampfer, der uns damals von Genua durch das Mittelmeer nach Sizilien trug, war auch ein geeigneterer, um Homer zu lesen, Platz als die Schulbank. Das Schiff, das zwischen blauem Wasser und blauem Himmel, einer weißen Sommerwolke ähnlich, hinschwebte, ließ mir beim Lesen die unermeßlichen Rhythmen der „Ilias“ so lebendig und kräftig werden, daß es mir vorkam, als trüge mich Gesang um Gesang durch die Bläue. Das Rauschen der Meereswellen vermengte sich mit dem Rauschen des Geistes und dem Rauschen der Bilder und der edlen Gefühle, die Zeile um Zeile aus der „Ilias“ dringen.