Kunz wurde erregt. „Lieber Mulitz, wir haben uns stets als geschlossenen Verband betrachtet! Einer für alle, alle für einen! Wollen wir den Mordbrennern zuliebe uns in unsere Bestandteile auflösen? Und einpacken mit unserem gemeinsamen Siedlungswerk? Und was haben Sie, gerade Sie gegen Mehrheitsbeschlüsse? Damit müßte sich doch Ihr gewerkschaftliches Gewissen am ersten beruhigen.“
„Wir sind hier keine Gewerkschaft. Eine Arbeitsgemeinschaft sind wir, in der jeder persönlichen Überzeugung Freistatt gewährt ist.“
„Die sich aber doch jederzeit einheitlich zur Nothilfe organisieren kann.“
„Um Nothilfe ging es hier doch gar nicht. Handelte es sich hier vielleicht um lebenswichtige Betriebe —?“
„Wenn wir schon den neuen Staatskatechismus gelten lassen — erst recht handelt es sich hier darum! Was ist jetzt lebenswichtiger, als daß die deutsche Erde bestellt wird? Und dann die Brandstiftung — ist das nicht unmittelbare Lebensbedrohung!“
Es gab parlamentarische Erregung. Die meisten waren für Kunz, wenige für Mulitz. Immerhin bildeten sich Parteien. Die Augen hingen an Horst. Er nahm das Wort.
„Ich kann den Standpunkt vom Kameraden Mulitz nicht ablehnen.“ Kunz hebt die Schultern, das Lid von Dankwardt zuckt. „Gewissensnöte müssen wir unter allen Umständen ehren. Natürlich liegt mir an nichts so viel, wie an unserer Einheit. Und tatsächlich — wie es auch diesmal geschehen ist — wird ein großer Zug die Bedenken der einzelnen mit sich reißen. Auch die Kameradschaftlichkeit von Mulitz hat sich noch immer bewährt. Aber wir müssen grundsätzlich anerkennen, daß in solchen und ähnlichen Fällen jemand seiner Überzeugung treubleiben darf, ohne sich damit außer dem Rahmen unseres Verbandes zu bewegen. Über die sogenannten inneren Feinde sind verschiedene Auffassungen möglich. Nur über den äußeren nicht!“
Kleister! schalt Kunz in seinem Gemüt. Er war böse auf Horst. Aber seine Disziplin hieß ihn hier schweigen. Unter vier Augen würde das Weitere sich finden.
„Noch eins darf ich zur Sprache bringen“, bemerkte Mulitz, der jetzt Oberwasser hatte. „Es scheint sich hier so etwas wie Schnüffelei ausbilden zu wollen. Man hat mir meinen Verkehr aufgemuzt — daß ich manchmal in der Stadt mit einem alten Freund zusammenkomme. Der ist allerdings eingefleischter Kommunist. Aber wenn man darin nicht mehr freie Hand haben soll —!“
„Natürlich hat man die“, erklärte Horst. „Wir sind hier doch nicht in einer Kleinkinderbewahranstalt.“ Und dann fügte er mit Bedacht hinzu, und es grub sich die gerade Falte zwischen seinen Brauen: „Übrigens bin ich in ähnlicher Lage wie Sie. Auch ich — suche sogar den Gedankenaustausch mit kommunistischen Kreisen. Ich meine, wir sollen und müssen ergründen, was in deutschen Geistern vorgeht. Nur so können wir deutsche Arbeit leisten.“ —