So sagten sie sich still und friedfertigen Sinnes Lebewohl. Horst verhieß, er würde Sonntag abend nach dem Manöver noch herüberkommen und den Kirchenschlüssel bringen. —
Die Jungen strömten heraus mit singenden Lungen und hochschlagenden Herzen.
Sie lagern am Fuße der Goldberge. Horst, in der Mitte des Kreises, hält ihnen Vortrag. Mag das ganze eine Kinderei sein, ein Stammeln im Geiste. Aber gleichviel — auf den Geist kommt es an.
Wir haben hier — so spricht Horst — ein ausgezeichnetes Katzbach-Gelände. Da, die beiden Rinnsale, die von dem Südhang sich abzweigen und ins Moor fließen: Katzbach und Neiße. Drüber die Hochebene. Also heute: die Schlacht an der Katzbach!
Begeisterte Zustimmung leuchtet aus all den jungen Augen.
Wie Horst nun begann die Kriegslage zu erläutern, fand auch Kunz sich ein. Aber er blickte nicht auf das Schlachtgelände, drehte der Strategie den Rücken und hielt mit den Augen die Moordorfer Straße.
Horst erklärte: Napoleon hat versucht, mit großer Übermacht Blücher in Schlesien zu stellen. So dumm ist der Alte nicht — er weicht aus, geht vom Bober hinter die Katzbach zurück und wartet, bis der Kaiser mit einem Teil seiner Armee nach Sachsen zurück muß, da das böhmische Heer anmarschiert. Macdonald erhält den Befehl über die achzigtausend Mann, die den — natürlich! — ‚in Auflösung begriffenen Feind‘ weiter verfolgen und vernichten sollen. Bei Blücher haben Russen den rechten und linken Flügel, unter Sacken und Langeron. Das Zentrum befehligt York. Er hält sich hinter Anhöhen versteckt — ahnungslos steigen die Franzosen zu dem Plateau empor. Blücher befiehlt: laßt so viel Feinde herauf, wie Ihr wieder hinunterschmeißen könnt! So geschieht’s. Dann beginnt die preußische Brigade Hühnerbein den Tanz, mit Bajonett und Kolben fegt und schmettert sie die Franzosen den Abhängen zu. Aber Macdonald treibt immer neue Massen auf die Höhe. Ein preußischer Kavallerieangriff unter Jürgaß verpufft. Da stürmt der Alte selbst und sein Liebling Katzeler mit preußischen und russischen Reiterscharen gegen den Feind. Kräftig hilft die Infanterie Yorks und Sackens nach — während Ehren-Langeron es vorzieht, Gewehr bei Fuß zu bleiben. Der Franzose wird ins Neißetal geworfen, in den brausenden Strom. Der Sieg ist errungen.
So die kurze Erläuterung. Nun wandern sie durch das Schlachtgebiet. Fröhlich schmunzelt die Fantasie zu den „reißenden Gebirgswassern“. Die einzelnen Stellungen werden bezeichnet. Dann geht es an das Einteilen der Heerkörper, an die Ernennung der Führer.
Natürlich will niemand Franzose sein. Erst wie Horst die Rolle Macdonalds übernimmt, bekommt er sein Heer zusammen. Auch die Russen sind nicht begehrt. Kunz muß sich erst zu dem Jammerkerl, dem Langeron, entäußern. Allerdings hat er dafür den Vorzug, auch sein eigener Heerkörper zu sein — zum Nichtstun bedarf es keiner weiteren Kräfte — und in träumerischer Einsamkeit die Spitze des Moordorfer Kirchturms und die Straße vom Dorf, die so freundlich verheißende, zu betrachten.
Auch hat der Posten, der ihm zugewiesen ist, alle Anwartschaft darauf, nicht mit rührender Treue gehalten zu werden. Vielleicht, daß dieser Frühlingssonntag doch noch etwas anderes mit ihm im Sinne hat, als daß er hier den traurigsten aller Wutkigenerale an den Pranger der Unsterblichkeit stellen muß.