Aber — aber die gerufenen Geister — so leicht sind sie nicht los zu werden. Ist es die Schwärmerei für Horst, ihren Führer, ist es der Zorn, daß sie die Franzosen sein müssen — Macdonalds Soldaten stehen und verbeißen sich. In Einzelkämpfen. Sie sind die gewandteren Ringer und bleiben oben. Der große Kavallerie-Angriff und mit ihm das ganze Programm droht in die Brüche zu gehen. Kommandos und Signale werden in der Kampfeswut nicht mehr gehört, die Franzosen dringen erbittert weiter vor, das Bild der Katzbacher Schlacht beginnt, sich heillos zu verschieben und zu verzerren —
Da — was begibt sich? Man weiß, wie oft in die Entscheidungsschlachten der Völker überirdische Mächte, himmlische Erscheinungen eingegriffen haben — Erzengel mit dem Flammenschwert, die Geister sagenhafter Helden oder heilige Frauen im Glorienschein.
Und hier — eine Elfengestalt — ein Wesen aus einer anderen Welt — an die Spitze der wankenden Preußen tritt sie — eine Begeisterung, übermächtig, braust durch die Herzen. Die Reihen schließen sich, sie stürmen vor, unaufhaltsam, sie siegen, sie siegen. Und der Feind liegt am Boden.
Kunz, wo hast Du Deine Augen gehabt? Hast Du so lange auf die Straßenlinie gestarrt, wie das Huhn auf den Kreidestrich, daß Du davon eingeschlafen bist?
Vita, Deine Vita ist ja längst zur Stelle. Mit ihrem Vater ist sie gekommen, der heute hier auch nicht fehlen darf. Jetzt steht Horst bei ihr und drückt ihr die Hand, daß sie die geschichtliche Wahrheit gerettet hat. In scheuer Verehrung umkreisen sie die Jungen.
Kunz findet sich schnell hinzu — es zwickt ihn wie die bittere Wehmut einer leichten Eifersucht, es liegt ihm ganz und gar nicht, überflüssig zu sein. Sie begrüßt ihn mit ihren hellen eifrigen Augen. Wie durchrieselt ihn die Freude an ihrer Kindlichkeit. Die ihm, ihm einmal erwachen soll!
Eine Pause gibt es. Wieder lagern sie alle. Die Kritik ist mühelos erledigt. Jeder bekommt seinen Wischer. Nur die Vision wird gefeiert, der Geist und des „Geistes Tochter“, die Begeisterung.
Die drei Männer, Horst, Pastor Waermann, Dr. Georg Stump unterhalten sich über das Leben in Blüchers schlesischem Hauptquartier — der eine weiß dies, der andere das. Die Jungen hören zu mit dürstender Hingabe. Hier ist Trank aus deutschen Quellen.
Wie um den Alten, den sie den „rohen Husaren“, den „Landsknecht“ schalten, das regste geistige Leben blühte. Nichts mehr von dem alten bildungsfeindlichen, plumpen Hohn des Kasernentons. Die Helden dieses Kreises, Gneisenau voran, Rühle von Lilienstern, mit Heinrich von Kleist innig befreundet, Schack, Brandenburg, Oppen, — Offiziere von weitestem Horizont. Und auch die Haudegen Horn, der preußische Bayard, Jürgaß, Sohr, Katzeler, der tolle Platen, dem nie die Pfeife ausging — sie alle beileibe keine bloßen Plempenschwinger. Weiß man, daß die Offiziere in Blüchers Hauptquartier Shakespeares Dramen mit verteilten Rollen lasen? Und wieviel Leuchtkraft strahlte von den „Schriftgelehrten“ Karl von Raumer, Friedrich Steffens, Friedrich Eichhorn aus! Keine Dumpfheit gab es hier, keine Enge, keine Verketzerung! Freimut die Losung! Alles Ehrliche galt, alles Faule wurde ausgebrannt, bei Fürsten wie bei Untertänigen!
O Du, unser Vater Blücher, auch heute noch — heute mehr noch als je unser Vater! Wie sang Pastor Waermann sein Lied!