Horst setzte sich in einen der schweren Stühle, Lona ging die Treppe zur Orgel hinauf — es war ein Instrument mit freistehendem Spieltisch — und machte sich bereit. Die Windladen füllten sich. Liebevoll legten sich die dankbaren Finger auf die Tasten.

Leise, im Hauch spielte Lona ein paar Passagen — die Töne waren ungleich, viele grau, alt und quäkend. In trockener, starrer, linearer Kühle fügte sich Ton an Ton — dürr klang es, mechanisch, wie wenn Letter an Letter gesetzt wird zu einem mühsam dürftigen Wortgebilde. Jetzt aber fand sie es, die Orgel hatte doch Seele, sie konnte lebendig werden, konnte sprechen und Zeugnis geben.

Um Horst aber schauerte die Andacht seiner Sehnsucht.

Und es begann. Ein dumpfes Rauschen begann es, aus weiter Ferne, gebändigt von Nacht und Finsternis. Wolken schoben sich, ballten sich, formten sich gespenstisch. Ein Chaos wie von sich selber träumend, kaum seiner selbst sich bewußt. Und es wird ein Schein — ein Wollen, eine Kraft, ein Licht. Und das Licht schafft sich Schatten, die ihm dienen müssen — die vor ihm fliehen wollen — die sich auflehnen im Kampf — die Feuerodem dem Lichte entreißen — und mit ihm sich beseelen. Körper, Wesen, Lebende, Leidende, aus Licht und Finsternis geworden. Menschen. Da sie leben wollten, sind sie dem Tode verfallen. In den Wolken, auf schwarzen Fittichen rüttelnd, steht der Würgengel. Unter ihm die Kreatur, sie verkriecht sich in Klüften, sie winselt, sie schreit. Und auf wen der Würgengel stößt, in dem erlischt das Licht, er wird wieder zum Schatten. Nun aber, da er gelebt, ist er schuldbeladen — und des Schattens wartet das letzte Gericht, furchtbarer noch als der düstere Todesengel. Von Grauen gepeitscht sind die Seelen — Gewitterstürme donnern hernieder über das Weltmeer — Blitze zerreißen die Finsternisse der Himmel — an die Ränder der Wolken klammern sich die gehetzten Schatten — es gibt einen Tod noch über dem Tod — und was ist das Leben — was ist sein Sinn — was ist es mit dem guten Sinn des Lebens? Ein Hohngelächter in tausendfachem Echo gellt von den irdischen Abgründen zu den zerklüfteten Wolken — entsetzte Seelenschatten flattern durch den erbarmungslosen Raum —

Horst erfror vor dem erhabenen Grauen dieser trostlos verzweifelten Visionen. Sie alle getaucht in die schreienden Tinten ihrer neuen Kunst. Kosmisches Urweltgestammel über allem. Und doch ein gewaltiges Ringen in und zur Wahrhaftigkeit, ein Sichselbstzerwühlen nach den letzten Offenbarungen des Ich.

Findet sie keinen Trost, keinen Ausblick, keine Helle? Wo ist das Licht, das doch sein muß, damit die Schatten sein können!

Jetzt — fügte sich, baute sich, wölbte sich nicht etwas in ihren Tönen? Über den weichenden Wolken? Die große Kuppel, das Firmament, der Himmelsdom. Und Sterne gebiert die Nacht — sie leuchten, sie künden, sie loben.

Wie ein Ausruhen ging es jetzt durch ihr Spiel, wie ein Aufatmen, ein Erinnern. Regten sie sich, die Klänge des Heimwehs? Wollte die Kindheit lebendig werden — und der Kindheit gläubige Traumwelt?

Ein Gebetlallen in stammelnder Torheit, gedankenlos verloren, glückhaft versunken — und dann die wachsende Klarheit, wie ein Sonnenaufgang der Zuversicht —

Tiefe Klänge aus Bachschen Messen und Kantaten, die eine leuchtende Lichtspur ziehen — und schon jauchzt es auf in dem atemlos gebannten Horst: sie findet sich — sie findet zurück — sie findet heim —