„Was sind wir für ein Volk!“ so wälzte Borkhus an seiner Last. „Daß Unsersgleichen nicht auf Erden ist, wer will es uns jetzt noch bestreiten! Die größten Helden sind wir — ja — aber auch die größten Hunde! Hat je ein Volk erst sich selbst heimtückisch gemeuchelt — dann sich selber begeifert und bespien — mit einer Art Wollust schmutzigster Exhibition sich selbst vor aller Welt an den Schandpranger gestellt! Daß selbst die schwarzen Bestien sich scheckig lachen vor unbändigem Vergnügen!“

„Wir sind krank — wir sind im Fieber —“

„Fieber — seit wann macht Fieber ehrliche Kerle zu Lumpenhunden!“

Er war schon in der gehörigen rhetorischen Stimmung und im Öffentlichkeitsfeuer. Er brauchte auch Publikum und dessen Widerhall. Da Horst nachdenklich schwieg, wandte er sich hinterwärts an sein Faktotum.

„Hab ich recht, Strempel, oder nicht?“

„Komplett, Herr Baron,“ kaute der zurück, mit seinem breiten, malmenden Mund.

Borkhus hatte eine Zärtlichkeit für diesen verschmitzten, verkniffenen alten Knaben, die Horst nicht begriff. Ihm waren in die Falten des knochigen, eckäugigen, vergilbten und gegerbten Bereitergesichts alle Tücken der Welt gesät.

Es ist gut, dachte im übrigen Horst Oldefeld, dem Baron zugewandt, daß du vor der Versammlung von dem gröbsten dich entlädtst! Dein Zorn hat recht, so weit Zorn recht haben kann. Denn Zorn allein kann nicht helfen, und Hilfe ist, was wir wollen.

Horst, der selber oft genug seinen Ingrimm mit beiden Händen bändigen mußte, blieb heute in der Ruhe und strebte in die Tiefe.

Er sprach davon, wie Deutschland von je das Schlachtfeld gewesen sei, das blutige, das zerwühlte, nicht nur für alle Heere der Erde, auch für alle großen Ideen der Welt, die alle, alle sein schmerzensreicher Schoß getragen und geboren hatte. Aufs Tiefste und Schmerzlichste zerpflügt das Land vom Schwert und vom Geist. Alles, alles Menschliche umspannen seine Lebenskräfte, das Niederste bleibt ihnen nicht fremd, bis zu den reinsten Höhen beschwingen sie sich. Das Niederste, ja, warum es leugnen? Warum mußten wir uns immer wieder die Ohren und die Sinne betäuben mit dem lauten Sang von deutscher Treue! Auch deutsche Untreue gibt es mehr als genug! Aber vom Allererbärmlichsten greift die Spanne deutschen Wesens bis zum Erlauchtesten empor. Das ist sein Reichtum, ist seine Größe — das ist sein Schicksal, sein Fluch. Das ist seine Passion und — seine Verklärung!