So sprach Horst zu Borkhus.
„Ganz gewiß haben Sie darin recht,“ antwortete der, „daß wir uns immer viel zu viel vorgesungen haben! Was wir für Kerle seien! Wie geräuschvoll haben wir uns immer unsere Tugenden beteuert! Und mit welch triefender Empfindsamkeit! Kam einem das alles nicht manchmal vor wie eine künstlich auf Flaschen gezogene, künstlich kalt gestellte Sentimentalität, die wir festlich entkorkten, mit der wir feierlich anstießen und feierlich uns besoffen? Als Idealisten taumelten wir uns in die Arme! Wieviel fader Muff war doch in diesem Idealismus!“
Horst sah ihn an, ein scharfes Lächeln im Auge. „Und jetzt — verfallen wir jetzt nicht in den entgegengesetzten Fehler —?“
„Sie meinen?“
„Haben wir uns früher verhimmelt, bereiten wir uns jetzt ein System daraus, uns selbst zu beschimpfen!“
„Soll das auf mich gehen? Aber ich schimpfe ja nur darauf, daß wir uns jetzt so herabziehen, und mit Schmutz beschmieren — ebenso wie ich darauf schimpfe, daß wir selber uns einst so in den siebenten Himmel gehoben haben! Natürlich beides aus derselben dreimal verdammten Empfindelei! So lange wir die mit uns herumschleppen — ehe wir diesen schmierigen Fetzen nicht von uns abreißen, kommen wir nicht wieder fußfrei auf die Beine. Wie haben unsere Feinde es geschafft! Dadurch, daß sie brutal sind — brutal im Denken, im Handeln — brutal ihre Energie, brutal ihre Grausamkeit, ihre Tücke, ihre Feigheit, ihre Verlogenheit! Noch immer hat Gewalt mit Verbrecherhänden die Weltpolitik gemacht — wir aber faseln, auch heute noch, von Weltgewissen. Als ob das Gewissen der Welt nicht der schamlose Nutzen wäre! Und faseln wir nicht, keifen wir, wie Weiber auf der Treppe.“
Tust du letzteres nicht selbst ein wenig, mußte Horst wieder denken. Er blickte auf den gewaltigen Mann, der in drohender Haltung neben ihm saß, den Kopf gehoben, die mächtigen Augen geweitet, keuchend wie zum Kampf. Ehrlich in jeder Faser — und sah doch in seinem ehrlichen Zorn an etwas vorbei, das er selber in sich trug.
Auch einer von denen, die so gern, so gern brutal sein wollten und konnten es nicht. Dies unser Grimmen und Fluchen — ist es nicht ein Sich-Wehren gegen die weiche Stelle in uns, die wir alle haben, die nur nicht das Mächtige werden darf über uns, ohne die wir aber in unserem Wesen verstümmelt wären!
Und Horst will es ihm sagen: wir werden sie nicht los unsere Empfindsamkeit. Sie gehört zu uns. Sie ist ein Teil unserer Kraft. So dürfen wir sie auch nicht bekämpfen, und sie und uns damit schwächen — nur in die rechte Bahn, in den starken Strom unseres Lebens sollen wir ihre Quellen leiten, und sie hilft uns zu unserem großen Werk. Ohne sie können wir nicht siegen, sie wird dabei sein, sie muß dabei sein — und der Triumph der Empfindsamkeit ist auch der Triumph und die Freiheit des deutschen Geistes, des deutschen Volkes! So werden wir siegen!
Er formte noch an den Worten, daß sie eindringlich sprechen sollten, da tauchten schon die Lichter der Stadt vor ihnen auf. Borkhus dachte an die Versammlung und ließ sich den Anfang seiner Rede durch den Kopf gehen.