So war es. Steht es nicht so in Deinem Gesicht geschrieben? Ist all das Zerwühlte nicht zur Ruhe gebracht? Schwebt darüber nicht etwas wie die weiche, bebende, sorgende Zärtlichkeit des Weibes?

In der Halle war die Leiche niedergelegt. Horst hielt bei ihr die Totenwacht.

Unwirklich war ihm noch alles. Wie trunken machte ihn der Schmerz. Seine Fieber taumelten wie in den Visionen einer Dichtung.

So umgeisterte ihn alles, was er mit Lona erlebt hatte — seit der ersten Stunde, da sie sich fanden. Wie er sie das schöne, böse Raubtier sich nannte, in der Versammlung — als sie zum Sprunge gegen Herrn Borkhus sich duckte, den Zerbrecher ihres jungen Glücks. Wie sie ihre überhitzte Schulmeinung ihm ins Gesicht sprühte: deutsch ist mir ein zu unwesentlicher Begriff! Blieb sie in der Öde solcher Verstiegenheit? Fing sie nicht an, auf ihre heimatlichen Wurzeln sich zu besinnen? Langsam — Geduld mußte man mit ihr haben —

Als er aus der Kirchhofshaft sie befreite, da starrte sie noch in Waffen gegen ihn. Aber wie der alte Lud dann ihr Wesen ihm gedeutet hatte — je mehr er sie begriff, um so näher rückte sie ihm, um so näher rückte er ihr. Was sie auf der Landarbeiterversammlung sprach, Klänge aus der Tiefe, die in ihm widerhallten. Und wie sie beide bei Lud sich fanden, sich etwas zu sagen und zu geben hatten — bis sie in der großen Offenbarung ihres Orgelspiels mit allem, was in ihrer Seele flutete und brauste und kämpfte, verzweifelte und zum Licht sich aufbäumte, mit den schmerzvoll heiligen Feuern ihrer Seele ihn überwältigte.

Du suchtest den Weg, der Dir verschüttet war — Du fandest ihn über Trümmer, einen schmalen Pfad — ich durfte die Hand Dir entgegenstrecken, Du wolltest sie ergreifen —

Und jetzt abgestürzt — zerschmettert — zerbrochen —

Und nicht mehr rollten die Bilder an ihm vorüber, wie Szenen eines Schauspiels, das ihm als Zuschauer den Atem versetzte — die Wirklichkeit riß ihn aus dem Rausch der Todesnähe, das Leben, sein Leben packte ihn an — ein Teil von seinem Leben war ihr Tod. Ein Teil von ihm war mit ihr gestorben.

„Lona“ — er umspannte ihre kalten, welken Finger. Vor ein paar Stunden hatte er sie noch gehalten — wie pulsten sie in seiner Hand, wie pochte ihr Blut an das seine! Jetzt ist der große Abgrund zwischen uns, über den nur die Todesfittiche tragen. Und Du bist auf der geistigen Seite.

Du blasse Lona — nicht mehr das schöne, böse Raubtier — o nein — ein schöner, guter, verklärter Geist — nicht mehr ans Irdische gefesselt, nicht mehr dem Körper verhaftet, jetzt hast Du Dir das Jenseits erobert, das Dich so quälte. Jetzt sind die Schleier gefallen, die Geheimnisse enthüllt — jetzt siehst Du den Sinn der Welt. Des Lebens! Des Lebens vor dem Leben. Des Lebens nach dem Sterben.