Sie blicken von der Höhe über das Land. Obstbäume blühen an dem Wege, der zum Moorhofer Herrenhause führt. Wie große weiße Blumensträuße stehen sie da, der Königin dieses Reiches ein Fest zu bereiten. Auf dem Hügel außerhalb der Parkmauer, der weite Ausschau gewährt, steht ein mächtiger Ahorn mit runder Bank. Da setzen sie sich nieder. Leuchtende Wolken, erhaben und schöpferisch bildhaft, ziehen ostwärts, von der sinkenden Sonne beleuchtet.
Sie schauen hinauf, plötzlich fragt Tilde: „Sind Sie sehr shakespearefest?“
„O nein, ganz und gar nicht.“
„Dann kann ich es wagen“, sagt sie und streicht sich ein mädchenhaftes Zagen aus der Stirn. „Ich denke an die Szene, wie Hamlet den Höflingen Rosenkranz und Güldenstern die Wolke zeigt — sie nach dem Bilde fragt — ihnen die Antwort in den Mund legt. Sieht sie nicht aus wie ein Kamel, wie ein Walfisch, wie ein Wiesel — für die bestialische Reihenfolge wird keine Gewähr übernommen. Ich muß sagen, daß ich mit dieser Szene nie das Rechte habe anfangen können.“
„Weil die Wolken so vieldeutig sind —“
„Ja. Ganz gewiß für Menschen, die nichts miteinander gemein haben. Da die Wolkenumrisse so schnell zerfließen — eine ganze wandernde Menagerie kann man einem Fremden suggerieren. Der darum noch gar nicht liebedienerisch ja zu sagen braucht. Menschen aber, die sich nahe sind und miteinander leben — es ist überraschend, wie sie in den Wolken ganz zu gleicher Zeit dieselben Gesichte haben.“
Gisbert blickt in die Wolken, die sollen ein Bild ihm zeigen.
„Wie oft,“ spricht Frau Tilde weiter, „haben wir als Kinder, mein Bruder Volker und ich, so den Himmel abgesucht. Dann fanden wir etwas — gemeinsam — faßten unsere Hände — sagten es uns. Und immer war es dasselbe. Eine Walküre mit Flügelhelm und wallendem Haar — ein alter Rabbi mit langem Bart — ein Indianer auf der Büffeljagd — ein buckeliger Pierrot — eine knieende Beterin. So eng hingen wir beide zusammen.“
Durch Gisbert zieht ein stilles Leuchten. Und wir beide? Wie nahe bist Du mir — und mir, ich weiß es, mir gibst auch Du Deine Nähe. „Ich fühle wie Sie“ — immer, immer fährt unter dieser Flagge mein Lebensschiff. Und was reichst Du täglich meinem Dasein an Geschenken!
Eine Zuversicht hebt ihn, bis in den Himmel. Was die Wolken mir jetzt zeigen, ich weiß es, Du siehst es mit mir. Und wie er jetzt suchend wieder den Kopf aufrichtet, tut sie es auch. Leicht hebt er die Hand — nun zittert er doch in allen Fasern, da die Gewißheit droht — und leise ist sein Wort: „Ein Schwan —“