Der Alte zog herum und ließ ihm nicht die Stille. „Der Pastor soll sie nicht zum Begräbnis haben!“ murmelte er drohend. „Eine Kriegstrompete ist er geworden. Was soll die hier? Hier bläst sie vorbei. Und er stört sie bloß. Und sie sollen Dich nicht stören! Alle haben sie Dich gequält. Deine Freunde, durch ihr Wüten, Deutsche gegen Deutsche! Und Deine Feinde — dieselbe sinnlose Wut! In diese Brandung bist Du geraten, so bist Du verdorben!“
„Schuld seid Ihr ja“ — gegen Westen hob er jetzt in jähem Ruck die mächtige haarige Faust — „Ihr Höllenhunde da drüben! Ihr mit all Euren Bundesgenossen, all Euresgleichen — nur in Rudeln jagt das feige Gesindel — Ihr habt heimtückisch Deutschland zur Strecke und in das Elend gebracht! Und in unserm Grauen kehrt unsere Wut sich gegen uns selbst. Auch mein Kind habt Ihr feige und tückisch gemordet. Es wird Euch heimgezahlt!“
Wie ein Seher und Rächer steht er da mit überweltlichen Augen! Horst zwingt es zu ihm hin. Er nimmt die furchtbar bebende Hand. Er grüßt den deutschen Herzschlag, der ihm selber die Adern sprengt.
Dann erlischt in den alten Augen die Flamme. Und ein Mißtrauen wehrt dem jungen Freund. „Du willst teilhaben an meinem Totenfest. Du hast sie lieb gehabt, meinst Du. Hast Du sie lieb gehabt, ohne etwas von ihr zu wollen? Ich aber liebte sie und wollte nichts von ihr, und darum ist meine Liebe größer als Deine. Darum bin ich mehr als Du und hab mehr Rechte als Du. Ich allein begrab sie mir.“
Und da Horst eine Bewegung macht — „bist Du nicht als Feind im Kampf mit ihr gewesen! Hat eine von Euren Kugeln sie nicht getroffen! Hast Du — Du sie nicht getötet! So gut wie mit eigener Hand! Da Du Feuer befohlen hast! Und Du willst sie mir streitig machen!“
Die Augen kreisen, Flammenräder einer eifersüchtigen Angst, eines eifersüchtigen Zornes. Die beschwichtigende Hand des Nebenbuhlers wird mit einem Kopfschütteln abgetan. Aber damit kehrt schon seine Ruhe wieder. Doch die Ruhe schärft und härtet sich.
Hoch richtet er sich auf. Die verkrampften Hände packen die Brust: „Ich, der Totengräber Lud Uhlenbrook — der einzige, der diese Tote lieb gehabt hat — und der einzige auch, den die Tote lieb gehabt hat — nur mir gehört sie — nur mir gehört ihr Begräbnis — nur mir gehört ihr Grab. Allein bestatte ich sie. Niemand soll dabei sein. Mein Moor soll sie bewahren. Und die Stätte zeige ich keinem. Mein Moor balsamiert Deinen Körper ein und rettet Deine Schönheit. Das Moor läßt keine Würmer an Dich hinan. So gut wie lebendig bleibst Du mir. Mir — die Du mir gehörst!“
Es wirft ihn nieder — er kniet zu ihr hin, er legt die alten, blutroten, tränenblinden Augen auf ihre kalte Hand.
Horst hat die Stube verlassen. — —
Zwischen den Findlingstrümmern, eine einsame Birke über sich — wie duftete das junge Laub! — saß Kunz mit Muz, seinem Tier, und sprach zu ihm. Steil gestellt waren die hohen spitzen Ohren, in den großen goldbraunen Augen war alle Klarheit, alle Weisheit, alle Güte, alle Wehmut der Welt versammelt.