Kunz aber, der verkehrt Trostreiche, spricht: „Das war nun erstmal die Warnung! So sind wir, denn blindes Schicksal sind wir nicht. Nun soll aber den Ersten, den Frechsten, der sich wieder zeigt, das verdiente Los treffen.“
Wieder steckt er die Patrone in den Lauf. Sie lehnt in dem Ginstergold. Was da irisiert in ihren Augen — ist nicht ein Schmerz dabei, eine Klage, ein Zagen, ein Bedürftiges, eine Demut? Aber hastig greift sie nach der geladenen Waffe, wie nach ihrem Recht, ihrer Rechtfertigung, ihrem Ausweis. Diesmal muß es gelingen!
Sie liegen auf der Lauer. Noch sind die Viecher vergrämt. Hier und da lugen ein paar scheue runde Augen aus den Erdröhren.
Da — ein Neugierling hebt den Kopf zum Bau heraus — dreht ihn und lugt — hebt ihn weiter — die Vorderfüße kommen nach — nun steht der Bursche auf vier Beinen — blickt sich noch einmal um und putzt sich dann sorglos die Nase.
Ein Knall —
Er bleibt sitzen, ganz erstaunte Frage. Macht seine Männchen zu Ende — Vita hört die Bestie kichern — und flitzt dann erst wieder in sein Erdloch.
Nun ist es mit der Jägerin aus und vorbei. Sie hat sich ins Gras geworfen, drückt das Gesicht in die Halme, und nur die trommelnden Beine führen eine beredte Sprache ihrer Herzensnot.
Hier ist jetzt der redliche Trost am Platz. Kunz redet ihr zu. „Liebe kleine Vita — das Schießen fordert nun einmal eine gewisse plumpe Begabung — wie das Bauchreden und das Mitdenohrenwackeln. Wer dies nicht kann oder das nicht kann — braucht der sich der Verzweiflung zu ergeben?“
Und nun erzählt er und lügt er ihr vor aus dem Schatz seiner Unbildung. „Wissen Sie, daß Lykurgos, der große spartanische Kriegsheld, dem Titus Livius zufolge im Bogenschießen als Junge das Mitleid aller seiner Mitschüler in der Arena erregte? Karl der Große war auf der Jagd ein höchst mäßiger Speerwerfer, während Karl der Dicke nie ein Wild fehlte. Wenn Prinz Eugen eine Reiterpistole zur Hand nahm, duckte sich nicht bloß seine Umgebung, meilenweit in der Runde alle österreichischen Regimenter duckten sich. Und der alte Zieten kniff beim Zielen immer das verkehrte Auge zu.“ Aber viel hilft das alles nicht, Vita bleibt verstockt in ihrem Schmerz, fühlt sich immer mehr gekränkt, je mehr er sie tröstet, und schließlich durch ihn gekränkt, den Tröster, der auch ihr Lehrmeister gewesen. Ein schöner Lehrmeister! An ihm liegt die Schuld!
Und alles, was so in dem Köpfchen herumtanzt an Wirbel und Wolken, das schlägt sich dann nieder. Sie starrt in die Weite, sucht irgendeine Zuflucht, sehnsüchtig vertieft sich das Grün der Augen zu tiefstem Smaragd, und Perlen leuchten auf seinem Grunde, richtige Tränen.