Und dann schloß er diese Gedankenreihe: „Im Ertragen von Leiden sind Euch die Serben, die Franzosen und andere Völkerschaften nun schon überlegen. Die Franzosen zumal, das femininste aller Mischvölker, das in den Wehen sich schon eher zu Hause fühlt. So feminin sind Eure lieben Nachbarn, daß sie es nicht einmal fertiggebracht haben, für ‚Mann‘ ein Wort zu besitzen. Wo sie es nicht gut entbehren können, begnügen sie sich stolz wie immer mit dem nichtssagenden, bedeutungslosen ‚Mensch‘!“
So sprach Ivar Thorild, der Schwede. Und der Deutsche Horst Oldefeld fühlte sich nicht veranlaßt, ihm zu widersprechen. So wenig, wie das alte Lied von Hysterie und weibischer Grausamkeit nun noch besonders anzustimmen.
„Daß Ihr jetzt, in der furchtbarsten Not, nicht zur Einigkeit gelangen könnt!“ hob der schwedische Oberst wieder an. „Wir sind auch hier mitten in einer Schuldfrage. Denn es gibt auch eine Schuld nach dem Kriege. Und bürdet sie nicht dem Feindesbund auf, der Euch vergewaltigt! Hättet Ihr den Bund im eigenen Land, brauchtet Ihr Euch nicht knechten zu lassen. All die Schändungen und Verbrechen — „Sanktionen“ heißt der erhabene Name dafür — ich sage nur Rheinland, Saargebiet, Oberschlesien — die große heilige Zornwelle eines gewaltig sich erhebenden einigen Volkes hätte diesen Frevel hinweggespült! Aber, Ihr habt was Besseres zu tun, Ihr müßt Euch untereinander begeifern, abwürgen und zu Boden schlagen.“
Wahrheit, alte, immer neue, nicht oft genug zu predigende Wahrheit!
„Und jetzt die andere, die viel berufene Schuldfrage. Die bekannte große Schuldlüge. Hier beschränke ich mich nun nicht auf völkerpsychologische Glossen. Hier kann ich mit freundschaftlich praktischer Arbeit aufwarten. Ich bin nicht ganz unbeteiligt an der neutralen unparteiischen Kommission zur Untersuchung der Kriegsursachen. Sie hat demnächst an Herrn Poincaree einige Fragen zu richten, auf deren Beantwortung oder — Nichtbeantwortung wir gespannt sind. Daß die deutsche Regierung nicht blankzieht, daß sie immer nur den Fälschern im eigenen Lager das Wort läßt, das ist wieder etwas, was wir nun und nimmer begreifen! Vielleicht ist dies das Unbegreiflichste von allem! Herrgott“ — und nun spricht der ehrliche Zorn des Blutsverwandten, den gemeinsame Sache bewegt — „wollt Ihr denn das gemeinste und verlogenste Unrecht von der Welt stillschweigend dulden! Die Ihr überhaupt nicht zum Dulden erschaffen seid. Nicht dulden könnt! Und nicht dulden werdet! Unrecht am letzten! So bodenlos verlogenes Unrecht am letzten!“
In diesen Worten brauste ein Kampf- und Kriegsruf. Horst stimmte ein mit schmerzlich, freudig zuckendem Herzen. Von außen muß uns solches verkündet werden. Nicht bloß Feinde hat Deutschland auf Erden! Und noch mehr Freunde würden wir haben, wenn wir selbst noch mehr unsere Freunde wären, unsere starken, gläubigen, wagemutigen Freunde!
Und weiter Herr Thorild: „Was laufen auf unserem Planeten für Geister zweibeinig herum! Daß sie die hirnverbrannteste aller Faseleien sich aufbinden lassen! Deutschland hat den Krieg vorbereitet. Nicht die anderen Großmächte der Erde haben Deutschland eingekreist, nein, Deutschland hat die Welt eingekreist — Deutschland hat eingekreist! Ist es nicht zum Radschlagen! Aber grandios einfach die Genialität der politischen Scharlatane, die mit diesem beispiellosen schlechthin blödsinnigen Schwindel Geschichte — und ihre Geschäfte machen. Derselbe unsägliche Schwindel, mit dem die edlen Franzosen jetzt nach dem Kriege vor sich und der Welt als die Sieger, als die Sieger schlechthin paradieren. Dieselbe Nation, die Ihr in ehrlichem Kampfe Volk gegen Volk derartig zusammengedroschen hättet, daß nichts von ihr übriggeblieben wäre — nachdem sie in diesem schmachvollen Würgekrieg mit all den andern Mächten als Spießgesellen Euch durch das Massengewicht naturnotwendig erdrückt hat, o Glorie ohne Ende! — diese Nation entblödet sich nicht, als die Siegerin sich in die Brust zu werfen! Da die andern soviel Schamgefühl besitzen, dieses Sieges sich nicht eben zu rühmen, darf sie allein das Maul vollnehmen von victoire und gloire! Daß selbst ihre Verbündeten für solche — Bescheidenheit nur noch ein Lächeln haben.“
Auf all die schmerzlichen Erschütterungen, die durch Horst hinbebten, legte Ingeborg warm den vollen Glanz ihrer jungen lebensinnigen Augen. Welche Heilkraft strömte von diesem blonden, leuchtenden Mädchentum aus. Wie Genesung fühlte Horst es durch die wunden Nerven, durch die kranke Seele rinnen. Was sagt Kunz, der Lebenskundige? Gesundheit steckt an. Wann war Horst das Blut in so vollen, reichen, kräftigen, frisch brausenden Wogen durch die Adern geflutet!
Die Männer sprachen dann über ihre kriegsgeschichtlichen Forschungen. „Mein Material häuft sich bergehoch,“ klagte Herr Thorild, „und ich werde mit meiner Arbeit nicht fertig. Einen Kompagnon brauche ich. Ich komme nicht einmal dazu, meine Bücherei zu ordnen —“
Hier rutschte Ingeborg auf ihrem Stuhl und machte ein längliches, wundervoll schelmisch gescholtenes Gesicht.