So einsam ist diese Frau. Der natürliche Gehilfe und Berater, wahnbefangen, der Arbeit verloren, hält sich fern.
Zugleich mit ihm kommt ihr — wie sind sie sich doch nahe — der Gedanke an den, der ihr fehlt. „Achim war eben im Auto hier — nur auf eine Minute. Er ist gleich zur Bahn gefahren. Er will nach Holland zu einem internationalen Match.“
Die Worte reihen sich gleichmäßig auf, fast unbewegt von dem Schicksal, das durch sie hindurchgeht. Und wieder ist das Schweigen um sie beide, gut, heilend und treu. Dann sagt sie: „Kommen Sie, Gisbert. Ich möchte noch ein wenig in den Park.“
Sie gehen hinein in den lichten Abend. Es ist die Johanniszeit, die hellsten, längsten Tage herrschen, die Kraft der Sonne durchwebt die Dämmerung, webt durch die Nacht hindurch dem Morgen entgegen und nimmt sich selbst wieder in Empfang.
„Heut ist des Sommers heilige Nacht“, sagt Frau Tilde. Ihre Blicke ruhen auf dem jungen Freund. Ist er nicht wie der Heilige dieser Helle? Er selbst so durchsichtig, so unirdisch, so verklärt. Und wehklagend zieht es durch sie hin: Armer, lieber Junge. So hast Du Dein Leben hingeströmt! Und ist nicht wie Du ein großer Teil der deutschen Jugend — viele, die unter uns hinschweben, kaum etwas anderes als die Schatten Erschlagener!
Die Johannisnacht beschäftigt ihn. Er spricht von den Sonnwendfeiern, erzählt von einem sanften Brauch, den Frau Tilde nicht kennt — sie weiß nur von den Feuern und Flammentänzen dieser Nacht — von dem Johannisbad erzählt er, dem Blumenopfer, das man den Flüssen darbringt. Und gar nicht bedeutungsschwer, mit einer leisen Fröhlichkeit fügt er hinzu: „In dieser Nacht werden die Lose der Menschen geworfen.“
Sie haben den Park durchschritten. Da vor dem Tor ragt auf der kleinen Anhöhe der mächtige Ahorn in den grünglasigen Abendhimmel. Hier auf der runden Bank haben sie damals gesessen, in die Wolken geblickt und von ihnen beide dasselbe vernommen. Und wieder lassen sie sich hier nieder.
Über die Felder gleiten die Blicke. In Tilde regt sich die Landfrau. „Wie gut der Roggen steht!“ Bis zu ihren Füßen zittert das grüne Meer in dem Hauch, den die See landeinwärts sendet. „Was hätte Vater für eine Freude daran gehabt!“ Nun ist sie bei ihren Toten und in großer Verlassenheit.
„Ach, lieber Junge!“ sagt sie dann und streicht ihm übers Haar. Was ist alles in ihren Augen, so viel Mütterliches, sorgend und schützend, und wieder ein Frauliches, das zärtlich nach Hilfe ruft. Und er starrt in diese wogende Tiefe.
Dann nimmt sie seinen Kopf in die Hände und küßt ihn auf die Stirn, und küßt ihn auf den Mund. Schon hat sie sich erhoben und reicht ihm die Hand. „Und jetzt Gut Nacht“, sagt sie einfach. Und weiter nichts. Schreitet zum Park, tritt in das Tor und verschwindet unter den Bäumen.